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Salonfähig ist der Jazz schon lange

Musikhochschule

Seit Semesterbeginn ist der Jazz in München akademisch

München - Salonfähig ist der Jazz ja schon lange. Jetzt wird er auch in München endlich akademisch.

„Hoffentlich wird er es nie“, lacht allerdings Claus Reichstaller, einer der beiden Professoren, die seit Semesterbeginn als Doppelspitze den Fachbereich Jazz an der Münchner Hochschule für Musik und Theater leiten. Sein Kollege hier ist Michael Riessler.

Schon als Dozent am städtischen Richard-Strauss-Konservatorium kümmerte sich Reichstaller um die Jazz-Studenten. Mit dem Aufgehen des „Kons“ in der Hochschule avancierte der Jazz-Trompeter zum Professor, bekam mit Michael Riessler einen Mann für Saxophon und Klarinette zur Seite, und die Hochschule wuchs um eine Hundertschaft (rund 80 Studenten, 20 Lehrende).

Am Dienstag lädt die Musikhochschule ab 10 Uhr zum ganztägigen Workshop mit den Jazz-Größen Kirk Lightsey (Piano) und Mario Gonzi (Schlagzeug) ein. Beim Abschlusskonzert im Kleinen Konzertsaal des Gasteig (20 Uhr, freier Eintritt) spielen neben den Studenten auch Lightsey, Gonzi, Reichstaller, Gregor Hübner (Violine) und Paulo Cardoso (Bass).

Der Veranstaltungskalender des Department Jazz ist dicht bestückt, und Reichstaller freut sich, dass die Hochschul-Ensembles heiß begehrt sind. Sogar Jamsessions werden angeboten: jeden Dienstag im Kaffee Giesing und am letzten Mittwoch im Monat im „Kalypso“ (Agnesstraße). Nächster Termin ausnahmsweise 16. Dezember, ab 20.30 Uhr.

„Für die Größe der Münchner Musikhochschule war es allerhöchste Zeit, dass der Jazz eingelassen wurde“, meint Michael Riessler. Der gebürtige Ulmer studierte in Köln klassische Klarinette, zu seiner Zeit gab es auch dort noch keine Jazz-Abteilung. Dennoch war diese Musikhochschule Ende der Siebzigerjahre Vorreiter in Deutschland. Obwohl Riessler als Klarinettist im WDR-Symphonieorchester spielte, liebäugelte er immer mit dem Jazz und pflegte seine Kontakte nach Paris. „Dort wurden viele musikalische Sprachen gesprochen“, erzählt er begeistert.

Auch für den gebürtigen Münchner Claus Reichstaller, der am Richard-Strauss-Konservatorium zum klassischen Trompeter ausgebildet wurde, war Paris das Mekka des Jazz. Blut geleckt hatte er schon als Bub, als ein Onkel in Burghausen ihn zum dortigen Festival mitnahm. Erste Gehversuche machte er in der Rehearsal Bigband von Harald Rüschenbaum. Als Woody Shaw beim Gastspiel der Pariser Reunion Band im Münchner Allotria ausfiel, durfte Reichstaller einspringen.

Für ihn ein wunderbarer Einstieg in die Szene, wo er auch seinem Mentor Nathan Davis begegnete. Der etablierte den Jazz an der Pittsburgh University gegen die Bedenken mancher, später sehr wohl überzeugter Kollegen. Er riet Reichstaller auch dazu, die Münchner Lehrtätigkeit zu übernehmen. „Der Begriff Jazz ist längst uferlos geworden“, sagt Riessler. „In einer Umfrage stellte sich als einzige Gemeinsamkeit ein Credo heraus: Ich mach’ mein Ding.“ Genau dazu will der Professor auch seine Studenten animieren. Das Ausprobieren der eigenen Möglichkeiten und den Ausbau jedes Millimeters Kreativität hält er für unerlässlich. „Man ist dazu verdammt, ein eigenes Profil zu entwickeln“, meint Riessler.

Deshalb bereitet auch er ein Projekt mit seinen Studenten und Jazzern aus Kuba, New York und Paris vor. „Das hätte ich mir als Student immer gewünscht, denn man lernt so viel in der Praxis.“ Gleichwohl weiß der Professor, dass die Theorie ihren Platz braucht. Da müssen die stark von der Neuen Musik beeinflussten Spieltechniken erlernt werden. Ebenso die Komplexität einer Partitur. Aber das, was den Jazz neben seiner Rhythmik, seinem Groove, seinem Puls ausmacht, das lernt man am besten im Zusammenspiel: in der Improvisation. „Da stecken immer die Überraschungen, das Unvorhergesehene drin, auf das der Jazzer spontan reagieren muss.“

Riessler möchte seine Studenten mit möglichst unterschiedlichen Stimulationen aus dem gängigen Fahrwasser locken. „Der einzelne Spieler muss die Klanginformationen der anderen aufnehmen, reagieren, imitieren, sich einfügen oder in die Opposition gehen und dabei das eigene Spielen hören und reflektieren.“ Auch für Reichstaller, der die Hochschul-Bigband leitet, gibt es keine Limitierung. „Uns geht es darum, die Energie aus der Tradition aufzunehmen und was Neues daraus zu machen. Ohne Basics geht es natürlich nicht: Man muss schon lernen über eine Bluesform oder Rhythm Changes zu spielen und akkordische Strukturen im Zusammenhang zu verstehen. Aber dann kommt die freie Improvisation…“

Deshalb setzen Professoren auf kleine Ensembles – von Duo und Trio über Sextett und Septett bis zur kleinen Bigband. Dass beide über der Lehre das Musizieren nicht vernachlässigen, dafür sorgen ihre Ensembles und die eigene Neugier: Reichstaller mischte sich heuer unters Ensemble des Bayerischen Staatsschauspiels und komponierte die Musik zu Dieter Dorns Inszenierung von Botho Strauß’ „Leichtes Spiel“. Riessler lebte seinen Hang zum Theatralischen immer wieder in Hörspiel- und Filmmusiken aus („Heimat 3“ von Edgar Reitz). Somit ist für Lebendigkeit gesorgt. Denn die braucht der Jazz.

Gabriele Luster

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