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Singbegeistert und schon nach kurzer Zeit ein eingespieltes Team: Mitglieder des Münchner Knabenchors

Interview

Buben voller Begeisterung

Seit über einem Jahr gibt es den Münchner Knabenchor, eine Abspaltung des Tölzer Knabenchors. Ein Interview mit dem Leiter und "Dissidenten" Ralf Ludewig

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Das stellte auch Ralf Ludewig fest, als er 2014 den Münchner Knabenchor gründete. Der 49-jährige Oberbayer, langjähriger künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des Tölzer Knabenchores, verließ kurz zuvor die Tölzer nach einem Streit mit dessen Chef Gerhard Schmidt-Gaden. Nach über einem Jahr ist Ludewig mit seinem neuen Chor schon gut im Geschäft: viele Auftritte, engagierter Nachwuchs und die Debüt-CD. Eine erste Bilanz. 

Sind Sie überrascht, dass der Münchner Knabenchor bereits im ersten Jahr so großen Anklang gefunden hat?

Absolut, in diesem Ausmaß konnten wir das nicht erwarten. Wir sind ja in dieser Zeit bereits 65 Mal auf verschiedenen Bühnen gestanden. Begonnen haben wir mit einer Handvoll Kindern, und mittlerweile sind wir schon über 50 Knaben. Das freut uns natürlich ganz besonders.

Sie sind ja schon lange als Stimmbildner und Dirigent von Knabenchören im Geschäft – welche Veränderungen stellen Sie heute bei den am Singen interessierten Kindern fest?

Ralf Ludewig, Leiter des Münchner Knabenchors und ehemaliger Tölzer.

Die Anforderungen an Kinder sind allgemein stark gestiegen. Der schulische Druck ist größer, die Familienverhältnisse haben sich verändert, auch das Freizeitangebot ist breiter geworden. Dem müssen wir Rechnung tragen. Aber andererseits ist gerade da das gemeinsame Singen ein schöner Ausgleich. Bei uns stelle ich fest: Wenn Begeisterung für die Sache da ist, dann geht auch vieles leichter zu koordinieren, sowohl für die Buben als auch die Eltern.

Ein früher Unterstützer für Sie war Enoch zu Guttenberg, der die Schirmherrschaft des Chores übernommen hat. Welche anderen Kanäle haben Sie angezapft, um schnell an Auftrittsmöglichkeiten zu kommen?

Die Zusammenarbeit mit Enoch zu Guttenberg hat uns natürlich sehr geholfen. Häufig ergibt sich eines aus dem anderen: Als wir im Oktober bei der „Zauberflöte“ im Teatro La Fenice in Venedig mitgemacht haben, hat uns eine Dame gehört, die so begeistert war, dass sie uns gleich nach Italien eingeladen hat. So kam unsere Italien-Tournee zustande, die wir im Juli 2016 machen werden.

Zu den Entwicklungen gehört auch ein neues Probengebäude, das in Planung ist.

Ja, wir werden umziehen. Zum Zeitpunkt der Gründung brauchten wir sehr schnell eine Unterkunft. Damals hatten wir das große Glück, dass der Vater eines Sängers uns großzügig mit einer Immobilie ausgeholfen hat. Die wird jetzt, Gott sei Dank muss man sagen, schon zu klein, und wir haben ganz in der Nähe, auch in Forstenried, ein tolles Gebäude gefunden, was gar nicht so einfach war. Denn nicht jeder Vermieter oder Nachbar hat gerne einen Chor im Haus.

Gibt es innerhalb des Chores verschiedene Formationen, mit denen Sie auftreten?

Wir haben mittlerweile vier Chöre, von den ganz Neuen bis zum Konzertchor. Das hat den Vorteil, die Knaben individueller ausbilden zu können. Wir haben Stimmbildner und bieten Klavier- und Orgelunterricht an.

Die Tölzer haben einen sehr spezifischen, brustigen, man kann sagen erwachsenen Klang. Orientieren Sie sich mit dem Münchner Knabenchor an diesem Vorbild?

Ich bin nach wie vor ein Fan von strahlenden, gewaltigen Stimmen, sonst hätte ich nicht jahrelang bei den Tölzern unterrichtet. Ich bemühe mich aber auch sehr um ein schönes, weiches Piano und einen tragfähigen, homogenen Klang. Gerade das macht ja gesunde Stimmen aus. Diese Komponenten beim Münchner Knabenchor als unseren besonderen Sound zu kultivieren und dadurch wiedererkennbar zu werden, das ist mein großes Ziel.

Die neue CD „Von Antonio Vivaldi bis Michael Jackson“ enthält Musik quer durch alle Epochen. Was bewirkt diese breite Repertoireaufstellung?

Na ja, auch Michael Jackson war ein fantastischer Musiker. Und wenn man Musik von ABBA oder den Beatles auf dem gleichen Niveau wie Mozart, Schubert oder Pergolesi singen kann, dann ist das eine ungeheure Bereicherung. Ich sehe es an den Buben, wie begeistert die sind. Von den Klassikern genau wie von den Modernen. Und der Erfolg bei den Zuhörern gibt uns Recht.

Sie haben schon von der Italienreise berichtet. Was sind weitere Pläne für dieses Jahr?

Natürlich unsere Tournee nach Korea, die Matthäus-Passion in den Philharmonien in München und Berlin und noch viele andere Konzerte. Für diese Möglichkeiten bin ich sehr dankbar! Und außerdem möchten wir natürlich gerne weiterwachsen. Alle Buben, die gerne singen, sind herzlich eingeladen! Wir sind noch ein sehr junger Chor, der gerade in der Entwicklung ist. Wir haben schon einige Männerstimmen und eine engagierte „Mutantengruppe“, also Jugendliche im Stimmbruch, und freuen uns in allen Stimm- und Altersgruppen auf zahlreichen Zuwachs!

Das Gespräch führte Maximilian Maier.

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