450 Seiten Höllenfahrt

- Walter Kempowski hat sein Mammutwerk "Echolot" über den Zweiten Weltkrieg vollendet. Im letzten Band der gigantischen Collage aus Tagebucheintragungen, Briefauszügen, autobiografischen Erinnerungen, Zeitungsartikeln und Interviews macht der 75-Jährige vier der allerletzten Kriegstage zwischen dem 20. April und dem 9. Mai 1945 so überwältigend lebendig, wie das keinem noch so guten Geschichtsbuch gelingen kann.

Überwältigt, erschüttert, fasziniert, aber auch befremdet und ratlos wird man von Kempowski nach 450 Seiten Höllenfahrt durch unendliches Leid, unendliche Bosheit und unendliche Dummheit mit einem unbegreiflichen, banalen Schlussakkord verabschiedet: Einer Röntgenaufnahme von Hitlers Schädel. Schilderungen des 20. April 1945, Hitlers 56. und letztem Geburtstag, füllen die ersten hundert Seiten. Eine Lydia Tilgner notiert: "Strahlender Frühlingsmorgen, die ersten Kirschen blühen." Die Schinderei eines aus dem Fenster zu sehenden ukrainischen Soldaten in ihrem Garten bereitet der Tagebuchschreiberin Gewissensbisse. <BR><BR>In einem Bunker tief unter dem restlos zerstörten Berlin fällt Hitlers Sekretärin Christa Schroeder "während des Essens gedrückte Stimmung" auf, obwohl der Führer doch Geburtstag hat. Der britische Leutnant Michael Gow muss zur selben Stunde in Bergen Belsen Widerstand von gefangen genommenen KZ-Wächtern aus der SS überwinden. Sie wollen den Auftrag zum Vergraben von tausenden ausgemergelter Leichen ihrer vormaligen Gefangenen nicht ausführen.<BR>Kempowski hat die Eintragungen unbekannter und bekannter Zeitzeugen für diesen Tag und drei weitere raffiniert montiert. Eindeutig dabei sein Bestreben, dem Leiden von Opfern Ausdruck zu verschaffen. Ein mächtiges, aber mitunter fast unerträgliches Wirkungsmittel ist der stete Wechsel zwischen der Schilderung unermesslicher Leiden und dem (ungewollten) Ausdruck von komplettem Wahnsinn, Dummheit, Boshaftigkeit sowie Dreistigkeit von Tätern und Mitläufern bis zur letzten Minute.<BR><BR>Zwischen all den Höllenberichten über KZ-Häftlinge auf letzten Todesmärschen unter SS-Bewachung oder massenhaft vergewaltigte deutsche Frauen beim Vormarsch der Roten Armee liest man im vielleicht widerlichsten Eintrag des ganzen Buches unvermittelt, was den Philosophen Ernst Jünger am 8. Mai 1945 bewegt hat: "Der Wein am Haus bricht üppig, strotzend aus den Trieben; im Laubwerk, im Ausbruch schon verrät sich die dionysische Kraft. Einmal, vor Jahren, schnitt ich ihn zu spät und hörte in der Nacht den Saft aus den Wunden wie Blut herabtropfen."<BR><BR>Im "Echolot" wird ansonsten wenig reflektiert. Ausführlich und für dieses Buch wohl zu ausführlich kommt auch mit seinen Wahnsinnsgedanken der letzten Tage Hitler zu Wort. Es tut weh, dass Kempowskis mächtiges Zeitgemälde von diesem Mann auch in der Autorenrolle mehr geprägt wird als zum Beispiel von Alisah Shek. Die 1927 geborene Tochter eines Prager Bauingenieurs schreibt nach der Befreiung aus dem KZ Theresienstadt zwei unermesslich traurige Sätze: "Die Dinge offenbaren sich alle in ihrer Sinnlosigkeit. Und das gerade jetzt, nach einem endlosen Dahinsterben, zwischen unserem 12. und 18. Lebensjahr." Thomas Borchert<P>Walter Kempowski: "Das Echolot, Abgesang 45 - Ein kollektives Tagebuch." Knaus Verlag, München, 496 Seiten; 49.90 Euro.</P>

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