Ausstellung

Nur ein Seitensprung

Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg beeindruckt mit einer umfangreichen Präsentation des Werks von Lovis Corinth.

Scharf schaut er – uns ins Auge? Nein, dieser Mann mit den bleichen Zügen blickt zwar in unsere Richtung, aber doch knapp vorbei. Vielleicht in einen Spiegel? Lovis Corinth 1918. Der Erste Weltkrieg hat Europa zerfleischt. Kritisch, fragend, melancholisch fixiert in dieser Zeit der Maler sein Objekt: Das ist er selbst. Weiß-, Beige- und Grautöne umspielen den Meister an der Staffelei. Als saft- und kraftstrotzenden Lebemenschen mit rotem Kopf, vollen Wangen und rundem Bauch stellt sich der Maler des Fleisches nicht mehr dar. Es gibt keine Maskeraden wie sonst, mit glänzerndem Harnisch oder Weintrauben im Haar, die mit der Männlichkeit protzten.

Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, das eine ansehnliche Anzahl von „Corinths“ besitzt, feiert nun nach dem Musée D’Orsay in Paris und dem Leipziger Museum der bildenden Künste den 150. Geburtstag des in Ostpreußen geborenen Künstlers (gestorben 17.7.1925) mit „Lovis Corinth und die Geburt der Moderne“. Galerie-Chefin und Kuratorin Ulrike Lorenz hat das Erdgeschoss freigeräumt. Man kann die umfangreichste Präsentation der drei Ausstellungs-Stationen bieten. Allerdings musste der Leihgeber wegen auf einige Hauptwerke (etwa „Der rote Christus“ oder „Die Logenbrüder“) verzichtet werden. Wichtig ist dem Regensburger Team, den Künstler als „Unzeitgemäßen“ sichtbar zu machen, der mit immer neuen malerischen Volten für Überraschungen sorgte. Zehn Themenräume zwischen Porträt und Akt, zwischen Mythos und Bibel erzählen von einem, der in seinen Ausdrucksmitteln hin- und herfetzte.

Da ist der ruhig pinselnde Realist, den ja Leibl in München sehr beeindruckte. Selbst in solch einem Realismus schaffte Corinth jenen Sprung in die Moderne, der für ihn wohl immer nur ein Seitensprung war. Stets nahm er ihn wieder zurück. So gelang ihm 1886 ein „Damenbildnis im Rechtsprofil“, das in seiner Kompaktheit und geheimnisvollen Aura auf die Neue Sachlichkeit vorausweist. Aber daneben gibt es wirbelnd-impressionistische Bildnisse, Seelen-Verdichtungen à la Rembrandt oder fast expressionistische Darstellungen wie bei Tochter Wilhelmine.

Dieses Versiert-Sein in allen Techniken trieb Corinth einerseits sogar in die Regionen des Abstrakten, andererseits in – durchaus sympathische – Schlampereien. Wie etwa bei der „Ariadne auf Naxos“. Überhaupt ist Humor ein zuverlässiger Leitfaden durch das Œuvre. Corinth wandelte zum Beispiel das typische Salondamen-Porträt ab, indem er seine Verlobte Charlotte fein gewandet auf die Weide stellte. Mit einem rosa Band in der Hand. Und an diesem Band präsentiert sie einen Stier, schön quer gestellt, wie es sich für eine Viehauktion gehören würde. Corinth macht sich hier über sich selbst lustig, genauso wie er über die Antike lacht und deren Personnage als angegammelte Komödiantentruppe zeigt. In Regensburg sind einige bisher unbekannte „Odyssee“-Szenen zu sehen, die Corinth im Auftrag des Industriellen Ludwig Katzenellenbogen entwickelt hatte. Die Arbeiten (heute in der Berlinischen Galerie) wurden extra für die Schau restauriert. Antike nicht edel, sondern „schmutzig“ wie ein Jahrmarktsspektakel. Eine weitere „Neuentdeckung“ (Privatbesitz) ist das Gemälde „Lebensalter“, das den Maler als ernsten und geheimnisvollen Analytiker des Menschseins zwischen Geschlechtlichkeit und Gewalt, Kindlichkeit, Alter und Tod ausweist.

Dieser tiefe Ernst, der sich mit einer verzweifelten Skepsis den Menschen gegenüber paart, tritt am deutlichsten bei den Jesus-Gemälden zutage. „Kreuztragung Christi“, „Das große Martyrium“ und „Kreuzabnahme“ bilden ein aufwühlendes Triptychon. Während sich Corinth bei „Salome“ noch ganz auf die Perfidie der Gaffer, die das Leid anderer auskosten, konzentriert, wird bei jenen Werken der gequälte Christus mit malerischer und seelischer Hingabe ins Zentrum gerückt. Wobei die geschäftsmäßigen Schergen und die lüsternen Voyeure das Entsetzen noch steigern. Das sind die stärksten Bilder der Schau, aber auch die am schwersten zu ertragenden. Erholen kann man sich davon bei fröhlicher Fleischlichkeit und den Walchensee-Ansichten im ersten Stock, wo sich auch die lohnende, ständige Sammlung befindet.

Bis 15. Februar 2009

Dr.-Johann-Maier-Straße 5, Tel. 0941/29 71 40, Di.-So. 10-17; Katalog: 29 Euro.

von Simone Dattenberger

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