Weg zur Selbsterlösung

- "Nun ist ja Schreiben ein Sich-Heranarbeiten an jene Grenzlinie, die das innerste Geheimnis um sich zieht und die zu verletzen Selbstzerstörung bedeuten würde, und es ist auch der Versuch, die Grenzlinie nur dem wirklich innersten Geheimnis zuzuerkennen . . ."

Der Gedankenstrom, den Christa Wolf (1929 geboren) in der reflektierenden Erzählung "Begegnungen Third Street" als "unzählige Hirnspuren"- parallel zum mehrspurigen Tonband - bezeichnet, streift auch die Tätigkeit des Schriftstellers. Es gilt, das Geheimnis zu achten, also nicht "Selbstzerstörung" zu betreiben; alles andere aber muss scharf herausgearbeitet werden, um zur "Selbsterlösung" zu kommen.

"Der Spur der Schmerzen nachgehen, das sagt sich so, wenn du schmerzfreibist."

Christa Wolf

Mal leicht und fröhlich, mal ernst und tief erfüllen die in dem neuen Buch "Mit anderem Blick" - das erste von Wolf im Suhrkamp Verlag - versammelten zehn Texte diese Erscheinungsform des Schreibens. Bis auf "Fototermin L.A." wurden alle in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. Die Zeitspanne reicht von 1992 bis heute.  In  "Nagelprobe"  für eine Uecker-Ausstellung und in "Assoziationen in Blau" zu einem Neruda-Ausspruch zeigt sich plakativ die Strategie, Girlanden aus Zitat-Fundstücken und Erinnerungsbröckchen zu winden.

Wie sich diese eingängige Technik zu eindrucksvoller Kunst vertieft, ist dann "Im Stein" zu erleben. Der Unterkörper bei einer Operation durch Teilnarkose "im Stein", gefühllos also, in der Außenwelt der Ablauf der Behandlung und Mozarts Beruhigungsmusik, und oben im Kopf laufen die Gedanken. Tasten den Schmerz ab, den fleischlichen und den seelischen; tasten das mythische Ur-Wissen ab in Märchen und Antike; tasten Sprichwort-Weisheiten und -Floskeln ab. In all diesem Fließen ohne Punkt und Komma bilden Anfang und Ende die Ufer. Die, ebenfalls in Frage gestellt durch die Sprecherin, bleiben dennoch sichere Haltepunkte.

Zum Verwundern zugleich wunderbar ist Christa Wolfs Offenheit. Sie lässt sehr viel persönliche Nähe zu, ohne indezent zu sein. Auch dies ihr Weg zur "Selbsterlösung" - immer scharf an der "Selbstzerstörung" vorbei. Das Risiko muss eingegangen werden. Das bedeutet für den Leser, von einem Leben bereichert zu werden, das von der Nazi-Zeit über die DDR bis heute, von Mecklenburg-Vorpommern bis Santa Monica reicht. In den USA, charmant und facettenreich geschildert, das Heimweh nach einem Moskau, das Kopelew und andere Dissidenten beheimatete und quälte.

Immer und überall der aufmerksame Blick für Menschen, ob für den Indianer, der betteln muss, ob für den alten Genossen, der an die Macht gekommen ist: Der nachdenkliche Blick auf politische Systeme kommt da von alleine.

Der "andere Blick" fällt natürlich auch auf den wichtigsten Wegbegleiter, auf Ehemann Gerhard Wolf. Ihm sind zwei reiche, schöne Liebeserklärungen gewidmet: die heiter-tiefsinnige Doppelanalyse "Er und ich" und die noch viel heiterere, äußerst Appetit anregende Beschreibung "Herr Wolf erwartet Gäste und bereitet für sie ein Essen vor".

Christa Wolf: "Mit anderem Blick". Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M., 190 Seiten; 14,80 Euro.

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