Seltsame Fabel-Gesellschaft

- Der Renner in der Kinderliteratur ist heute "Harry Potter". 1865 war es Lewis Carrolls Roman "Alice im Wunderland". Schon 1886 kam am Londoner Prince of Wales Theater auch eine Schauspielversion heraus. Jetzt spinnt der Brite Philip Taylor diese Tradition weiter mit einer Vertanzung von Alices Traum-Abenteuer zu Musiken von Witold Lutoslawski. Die Fans im Münchner Gärtnerplatztheater dankten mit jubelndem Premieren-Applaus.

Sehr schön, wie Taylor den Beginn der Geschichte szenisch löst: ein gestufter Lichtschacht flimmert senkrecht vom Bühnenhimmel herab. Wenn die exzellente Gesine Eileen Moog (alternierend: Mikiko Arai) sich mit schwankenden Schritten und heftig rudernden Armen darin bewegt, entsteht die Illusion eines langen taumelnden Fallens. Und einmal jenseits der Gazewand mit den aufgemalten Türen, ist sie schon mitten in dieser seltsam agierenden Fabel-Gesellschaft:<BR><BR>Das notorisch verspätete Kaninchen tippelt blöd gegen die Wand. Die Herzogin wirft ihr Wickelkind wie ein unwillkommenes Paket den Bediensteten oder Alice zu. Die herzöglichen Mägde lassen diese in ihrem riesigen Suppentopf kreiseln. Drei Gärtner tänzeln mit ihrer weißen, dann rot angemalten Rose. Die rostrote Grinsekatze schmusetollt geschmeidig am Boden. Und oben auf einem hochbeinigen Podest, zu dem zierliche Rampe und Treppe hinaufführen, präsentiert die despotische Spielkarten-Königin einen spanisch stilisierten Hoftanz mit ihrem König. Gibt schließlich mit schneidender Geste den "Kopf- ab"-Befehl.<BR><BR>Der arme Herzbube, zu Unrecht des Kuchennaschens beschuldigt, tanzt einen letzten traurigen Tanz. Alice versucht, sich für ihn einzusetzen. Und gerade wird sie vom aufgebrachten Hofstaat übel behandelt - da erwacht sie aus ihrem Traum.<BR><BR>Was Lewis Carroll während einer frühsommerlichen Kahnfahrt mit seiner kleinen Muse, der zehnjährigen Alice Liddell, und deren beiden Schwestern erzählend erfunden und dann sprachgewitzt verrätselt aufgeschrieben hat, ist eine Geschichte über das Erstaunen, das Fremdsein des Kindes in einer Erwachsenenwelt. Ansatzweise hat Taylor den pädagogischen Nonsens und die daraus hervorgebrachte Komik choreographisch übersetzt. Insgesamt hat er eher an der Handlungsoberfläche illustriert. Aber das sehr sinnfällig mit seinem diesmal pantomimisch durchsetzten Modern Dance.<BR><BR>Dass der knapp zweistündige Abend sich zu einem höchst stilvollen Tanztheater rundet, ist vor allem einer hervorragenden künstlerischen Teamarbeit zu verdanken: frisch-hell die Kostüme von Claudia Doderer. Wunderbar "japanisch" sparsam-filigran ihre Bühne, die Wieland Müller-Haslinger mit pastell-buntem Licht in ein Märchenland verzaubert.<BR><BR>Und vor allem auch der Kraftakt von Dirigent Andreas Kowalewitz, aus 23 verschiedenen Musiken des polnischen Komponisten Witold Lutoslawski - Symphonische Variationen, Préluden, Suiten und Fanfaren - eine kongenial erzählerische musikalische Partitur zu erstellen. Das ist farbig zwischen einfacher Melodie und Annäherung an Strawinsky, zwischen elegischer Zurückgenommenheit und aufgejazzten amerikanischen Klängen. Das ist sehr gut musiziert, und die jungen Tänzer des BallettTheaters werfen sich mit Verve in die skurrilen Figuren.<BR><BR>"Alice" ist Taylors erster Anlauf eines Handlungsballetts. Es kann noch dichter werden - demnächst. 

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