Als Seminarr geboren

- Er war der Mann im Hintergrund. Jahrzehntelang lieferte Klaus Peter Schreiner (76) den Ensembles der Münchner Lach- und Schießgesellschaft die Texte, schrieb die brillanten Nummern, mit denen sich die "Nur"-Darsteller in die Herzen der Fans spielten ­ im legendären Schwabinger "Laden" und auf Tournee durch Deutschland. Im Interview erinnert sich der aus Zweibrücken (Rheinland-Pfalz) stammende Autor an (fast) 50 Jahre Kabarettkunst.

Wie kamen Sie zum Kabarett?

Klaus Peter Schreiner: Nachdem ich 1949 in Mainz während des Studiums Hanns Dieter Hüsch kennengelernt hatte. Seine Kunst hat mich dazu veranlasst, es auch mal zu probieren. Und als ich 1951 nach München kam, habe ich schon bald Studentenkabarett gemacht, wir nannten uns die "Seminarren". Da habe ich Dieter Hildebrandt kennengelernt, der in der "Kleinen Freiheit", wo wir immer aufgetreten sind, als Platzanweiser tätig war.

Wie ging‘s weiter?

Schreiner: Dieter Hildebrandt hat ­ das war 1955 ­ ein Ensemble zusammengetrommelt, das sich später "Die Namenlosen" nannte. Ursprünglich wollten wir nur an Fasching auftreten, doch wir kamen so gut an, dass wir bald regelmäßig auf der Bühne standen. Dann stieß Sammy Drechsel zu uns, der die Regie übernahm. Nach einem Jahr haben wir uns ziemlich zerstritten. Einige wollten Amateure bleiben, die anderen wollten unter Sammy Drechsel Profis werden. Das war die Geburtsstunde der Lach- und Schießgesellschaft. Und als Sammy Drechsel mich später gefragt hat, ob ich als Autor mitmachen wolle, habe ich Ja gesagt.

Sammy Drechsel war der Garant für den Erfolg?

Schreiner: Ja. Er hat uns zu dem Haus in der Ursulastraße verholfen, er hat ­ als Reporter beim Bayerischen Rundfunk ­ die Verbindung zum Fernsehen hergestellt. Und als Regisseur hatte er ein ungeheures Gespür für Texte und für Pointen.

Man sagt, er sei bei der Auswahl der Nummern unerbittlich gewesen...

'Schreiner: Naja, im Laufe der Zeit wusste man, was bei ihm ankommt und was nicht. Es gab auch Texte, bei denen mir schon meine Frau gesagt hat: "Den haut dir der Sammy bestimmt um die Ohren." Darunter waren meine besten. Auch ein Sammy Drechsel hat sich manchmal überzeugen lassen, wenn das Ensemble einen Text für gut befunden hat

Als was verstanden Sie sich in diesen frühen Jahren? Als Aufklärer?

Schreiner: Als Studenten waren wir gegen die Wiederbewaffnung, gegen jegliche restaurative Tendenz. Unser Feindbild waren die schlagenden Verbindungen. Aber wir haben schnell gemerkt, dass man mit purem Protest nicht viel erreicht. Wir haben uns dann darauf verlegt, um die Ecke zu denken.

In der Regel sitzen ja die, die gemeint sind, nicht im Publikum...

Schreiner: Dafür gab es ja das Fernsehen. Damit haben wir auch die Leute erreicht, die nicht ins Kabarett gehen. Die meisten waren noch sehr im Obrigkeitsdenken verhaftet und ganz überrascht, wenn wir zu ihnen ins Wohnzimmer kamen und und ihre Regierung beschimpften.

Andererseits haben Sie sich ganz gut vertragen mit den Politikern. Als "Sündenfall" gilt eine Einladung zum Tee bei Kanzler Ludwig Erhard im Jahr 1964...

Schreiner: Das Schlimme war nicht der Besuch beim Kanzler, sondern eine kurz vorher stattfindende Diskussion im ZDF ­ "Politiker fragen, Kabarettisten antworten". Wir hatten damit gerechnet, hart kritisiert zu werden, statt dessen sagte Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier, was wir machten, sei ganz wichtig, und wenn es die Lach- und Schießgesellschaft nicht gäbe, müsste er sie erfinden. Es war ein Desaster. Dieter Hildebrandt hat nachher gesagt: "Die haben uns regelrecht niedergelächelt."

Bis heute hält sich die Legende, das Ensemble habe seit Amtsantritt der sozial-liberalen Koalition 1969 keine echte Daseinsberechtigung mehr gesehen, weil ja nun die natürlichen Freunde der Kabarettisten an der Regierung seien...

Schreiner: Das ist vollkommen falsch. Wir haben auch die Sozis nie unangetastet gelassen.

Was war dann der Grund für die Auflösung 1972?

Schreiner: Es gab eine gewisse Müdigkeit, vor allem bei Dieter Hildebrandt und bei mir. Es hatte sich sehr viel Routine eingeschlichen. Und als unser heimlicher Star ernst gemacht und sich verabschiedet hat, war uns klar, dass die Lach- und Schießgesellschaft ohne ihn nur die Hälfte wert ist.

Vier Jahre später fand sich aber doch wieder ein Ensemble zusammen.

Schreiner: Das war Sammy Drechsels Initiative. Er hatte sich beklagt, der Laden stehe zu oft leer, die Gastspiele allein brächten nicht genug ein ­ also haben wir wieder angefangen.

Was war das Charakteristische an dieser zweiten Generation?

Schreiner: Es gab nicht mehr diesen Ensemblegeist. Vor allem die erste Truppe war problematisch. Da gab es viele Animositäten. Erst mit Rainer Basedow, Jochen Busse, Bruno Jonas und später Renate Küster und Henning Venske lief es wieder.

Und inhaltlich?

Schreiner: Die Nummern wurden kürzer und prägnanter. Wenn man älter wird, lernt man, in einen Text nicht mehr alles hineinzupacken, was man weiß. Und vieles wussten die Zuschauer schon selbst. Wir haben jetzt Kabarett für die aufgeklärte Bevölkerung gemacht.

Mitte der Neunziger kündigte sich die nächste Krise an . . .

Schreiner: Es gab kein Ensemble mehr, nur Leute, die mal zusammen spielen. Andreas Rebers brachte neue Ideen, konnte sich aber nicht durchsetzen. Und dann kam 1999 das letzte Programm heraus, an dem ich mitgewirkt habe, nach langer Zeit auch wieder auf der Bühne, weil Erich Hallhuber, der eigentlich spielen sollte, absagen musste. Wir hatten einigen Erfolg, aber das war keine Basis zum Weitermachen. Und als dann das Haus umgebaut werden sollte, nach dem Motto "Raus mit dem alten Muff", habe ich aufgehört.

Mit dem aktuellen Ensemble hat eine neue Form Einzug gehalten. Es wird eine, wenn auch arg verrückte, Geschichte erzählt.

Schreiner: Ich habe immer das Prinzip des Nummernkabaretts hochgehalten. Das war für mich die ideale Form. Aber ich sehe ein, dass es auch andere Formen gibt

Wie gefällt Ihnen das?

Schreiner: Manches ist gut, insgesamt bin ich nicht so zufrieden. Ich finde auch, dass es ein wenig Etikettenschwindel ist, Neues unter altem Namen zu machen. Das ist nicht fair denen gegenüber, die in und von der Lach- und Schießgesellschaft etwas ganz anderes erwarten.

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