Lebensgefahr! Heute nicht an Isar aufhalten - selbst wenn es nicht regnet

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Sensationeller Besuch

- "OOF" schreibt Ed Ruscha in riesigen gelben Lettern auf blauem Grund, "oof" staunt auch der Besucher der Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie. Deren schlichter, aber viel sagender Titel: "Das MoMA in Berlin". Die Verantwortlichen, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin Peter-Klaus Schuster und Peter Raue vom Verein der Freunde, rechnen damit, dass dieses Signalement genügt. Immerhin ist das Museum of Modern Art, New York, das einzige Haus für Kunst des 20. Jahrhunderts, das weltweit zur Legende wurde, wie es sonst nur Kollegen für "Älteres", etwa der Louvre oder die Uffizien, geschafft haben. Das MoMA gilt als das substanzreichste Museum für Klassische Moderne.

<P>Drei so kunstsinnige wie tatkräftige Frauen, Lillie P. Bliss, Mary Quinn und Abby Aldrich Rockefeller, engagierten sich in den 20er-Jahren nicht nur für Impressionismus, sondern auch für ihre zeitgenössische Kunst - und wollten dafür endlich ein Domizil, das nicht vor dem Aktuellen zurückzuckte. In Alfred H. Barr fanden die Ladys den richtigen Partner für das Haus, das 1929 eröffnet wurde. Auf ihn geht auch das umfassende Konzept zurück, Design und Architektur zu integrieren; wie wir es neuerdings von der Pinakothek der Moderne und, schon recht altbewährt, von Münchens Bayerischem oder vom Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg kennen. In Berlin, der einzigen derart großen MoMA-"Außenstation", ist nur der Ausschnitt präsent, der sich mit der bildenden Kunst beschäftigt: über 200 Gemälde und Plastiken. In erster Linie handelt es sich um "Meisterwerke" vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 60er-Jahre. Inklusive ein paar Ausblicke ins Jetzt etwa mit Richard Artschwagers Kisten-Skulpturen von 1994, die Kunst auf Reisen durchaus ironisieren können, und vor allem mit dem erschütternden Schwarzweiß-Zyklus "18. Oktober 1977" von Gerhard Richter (1988), der weit über sein eigentliches Motiv, das Ende der RAF, hinausweist.<BR><BR>Ein Skulpturen-Reigen von Auguste Rodins schrecklich lackglänzend patiniertem Balzac-Denkmal (1898) bis zu Bruce Naumans bunten, auf T-Stahlträgern balancierenden Stühlen namens "Weiße Wut, rote Gefahr, gelbe Gefahr, schwarzer Tod" (1984) bildet den Empfang in der Neuen Nationalgalerie, dem wunderschönen, aber recht unpraktikablen Museumsbau - dem einzigen - von Ludwig Mies van der Rohe. Die ausgedehnte Glashalle ist ein Solitär von ganz eigener Kraft, wo schon Einbauten stören. Die dreidimensionalen Werke werden hier fast bis zur Bedeutungslosigkeit marginalisiert. Sie kommen gegen die "Skulptur" Mies van der Rohes kaum an.</P><P>Die Giganten der Klassischen Moderne<BR><BR>Solch ein Schicksal bleibt den Gemälden erspart. Denn im Untergeschoss sind sie in einem Schutzraum. Man hat die Werke, die zum Teil kanonisierte Lehrbuchbeispiele der Kunsthistorie sind, chronologisch angeordnet, stets ausgerichtet am Sammlungs- und Ausstellungskonzept des MoMA: Über die Jahrhundertwende von Vincent van Gogh, Paul Cé´zanne, dem frühen Pablo Picasso, Edvard Munch und Henri Rousseau gelangt man rechtsherum über hinreißende Gemälde von Wassily Kandinsky und Marc Chagall zu Konstruktivismus, Surrealismus, Expressionismus und Neuer Sachlichkeit (sehr knapp), zu Futurismus und Kubismus, also auf den europäischen Zweig. Linksherum wird's US-amerikanisch. Von Edward Hopper und Stuart Davis, mit seinem Odol-Fläschchen schon 1924 ein Pop Artist, kommt man zu den "Kings of Pop", zu Farbfeldmalerei, Minimalismus und natürlich zum "lieben Gott" der amerikanischen Endlich-sind-wir-Weltspitze-Kunst, zu Jackson Pollock. Schön, dass man in diesem Kontext Hans Hofmann mit einem abstrakten Bild die Reverenz erweist: Er ist einer der Väter der selbstbewussten modernen Kunst in den USA. Die europäischen "Widrigkeiten" wie die NS-Zensur hatten sie in die Neue Welt gespült, und dort leisteten sie in der Ausbildung junger Künstler Pionierarbeit.</P><P>Großartige Gemälde der Giganten des 20. Jahrhunderts sind in der Neuen Nationalgalerie zu sehen. Die Schau ist darüber hinaus imstande, beeindruckende Werkgruppen eines Künstlers zusammenzustellen, etwa bei Henri Matisse. Sie illuminiert bestens die diversen "-ismen", dennoch ist sie spannungsarm. Ergänzend zu dem Riesen-Remmidemmi, den man ums "MoMA in Berlin" veranstaltet - schließlich kostet das Ding 8,5 Millionen Euro und muss 700 000 Besucher bis September anlocken -, hätte man sich doch eine mutigere, raffiniertere, schlicht eine aufregendere Hängung gewünscht (Kuratoren Angela Schneider, John Elderfield). Man blieb lieber museal seriös. Und das ermüdet leicht, macht den Besucher zum Namen-Abhaker: aha, Warhol, da schau her, Dalí´, ach, ein Magritte, aber das Bild selbst wird kaum mehr in seiner Einmaligkeit wahrgenommen, nur noch als Zeuge einer Stilrichtung. Nicht alle "Highlights" entgehen dieser Falle. Sie schnappt zu etwa bei Piet Mondrians berühmtem "Gemälde I", einem weißen, auf der Spitze stehenden Quadrat mit schwarzen, ein Quadrat andeutenden Streifen. Andere Bilder wiederum sind einfach Knaller - und werden auch so präsentiert.<BR><BR>Zunächst "Der Traum" von Rousseau, der mitten im Raum alle Blicke auf sich zieht: Die schöne Nackte im Dschungel ruht auf dem Sofa, umzüngelt von Blatt-Lanzetten, umschlichen von wilden Tieren, umflötet von einem schwarzen Orpheus. Noch rigoroser taucht Claude Monet mit seiner gigantischen "Seerosen"-Wand (13 Meter) in die Natur ein - zugleich in die Abstraktion. Und in einen Farbrausch, so erregend sinnlich, dass ihm heute noch Augen und Herzen zufliegen. Das gilt ebenso für das dritte prominent präsentierte Großformat, für den unendlich einfachen und unendlich paradiesisch-sehnsüchtigen "Tanz" von Matisse. Gerade bei ihm gelingt der Exposition sogar eine kleine uvre-Schau. Wir erleben den Plastiker Matisse mit knorrigen, humorvollen Büsten, den farbfeurigen, nervös strichelnden "Fauve", den "Womanizer", der Frauen hinreißend liebevoll verewigte. Wir sehen das Genie, das Fläche und Ornament autark machte, den "Konstruktiven", der Interieurs oder Stillleben wiederum ganz kompakt zusammenbaute.<BR><BR>Nicht nur wegen solcher Erlebnisse geht man beschwingt aus der Nationalgalerie, sondern auch, weil der europäische Lokalpatriotismus befriedigt ist: "Unsere" Künstler sind doch die faszinierendsten - Pop Art hin oder her. </P><P>Bis 19. 9; Potsdamer Straße 50; Katalog: 29 Euro; Eintritt: zehn Euro; Infos: 0180-52 21 034, www.das-moma-in-berlin.de. Begleitprogramm: www.americanseason.de. </P>

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