Sentimentales vom Wilden Mann

- Irgendwie hat das doch schon jeder einmal erlebt bei einer Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln: so einen Verrückten, der mit seinem defätistischen Gequatsche verbal auf die Mitreisenden eindrischt, der Volksreden hält über Gott und die Welt, Kinder und Politiker, Frauen und den Papst, über Bücherleser, Brillenträger und überhaupt über die zunehmende Verhässlichung der Menschen.

<P>Peter Handke, der vor fast 40 Jahren mit der "Publikumsbeschimpfung" seinen Ruhm als Stückeschreiber begründete, der vor zwölf Jahren mit "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten" seine Beobachtungen auf einem Marktplatz zu einem wunderwitzigen, textlosen Gesellschaftsbild verarbeitete, hat nun beides sozusagen zusammengeführt zum "Untertagblues".</P><P>Die Fahrgäste der U-Bahn, wie sie ein- und aussteigen, wie sie versuchen, ihr Handy in Gang zu bringen, wie sie tun, als ginge sie das alles um sie herum nichts an, wie sie Musik hören, neugierig teilnehmen, stumm empört sind, sich flegeln, Cola trinken, wie sie kokettieren, sich küssen, lieben, zanken und versöhnen, wie sie Kaugummiblasen zum Platzen bringen, wie sie mit Aktenkoffer in der Hand wichtig dreinschauen, wie sie Manuskripte redigieren, Schulhefte korrigieren, dämlich kichern, ängstlich gucken, touristisch staunen, empört die Bahn verlassen - diese Fahrgäste sind der Spiegel einer Stadt. Nichts beschönigend, aber amüsant und liebenswert. Ihnen liest der Wilde Mann von Station zu Station die Leviten. Und ist ja doch auch nur einer von ihnen.</P><P>Nein, eine Publikumsbeschimpfung ist dieses Stationendrama nicht. Es ist vielmehr der große Monolog eines alternden Mannes: Schöpfer, Dichter, Schauspieler. Eines Konservativen. Eines Gottes, der seinen Elfenbeinturm verlassen hat, widerwillig und doch zwanghaft, aggressiv und voller Selbstmitleid, hochmütig, schönheitssüchtig - und darum sein Ideal immer verfehlend.</P><P>20 Stationen durch die ganze Welt, von Zorneding bis Hakubutsukandubutsuen, von Niederschönhausen bis Los Alamos, von Maria Schnee bis La Paz. Am Ende die Läuterung durch eine medusenhafte, funkensprühende Fee, die Wilde Frau, und Versöhnung mit der Menschheit.</P><P>Das Ganze ist ein herrlicher Handke-Text. Witzig, poetisch, von musikalischer Sprachrhythmik, in der Genauigkeit seiner kritischen Beobachtungen zustimmungspflichtig. Attackierend, bösartig und dennoch sympathisch. Denn über allem liegt die wehmütige, aber immer auch ironische Sicht des Dichters auf sich selbst.</P><P>Die Uraufführung des 2003 bereits bei Suhrkamp erschienenen Stücks fand, nachdem Luc Bondy in Wien sie abgegeben hatte, jetzt am Berliner Ensemble statt. Hausherr und Handke-Spezialist Claus Peymann führte Regie und hat in Michael Maertens einen Darsteller, wie man ihn sich kaum passender für den Wilden Mann hätte vorstellen können.<BR>Maertens jedoch spielt diesen fast zweistündigen Monolog erstaunlich verhalten. </P><P>Er versagt sich überdiszipliniert alle Virtuosität, zu der die Rolle durchaus verführen könnte. Tastend, unsicher noch, wenn er zu Beginn den Waggon betritt, vor sich hin summend: ein Schauspieler, der die passende Haltung sucht; ein Autor, der die öffentliche Rolle probt, sich mit verschränkten Armen und Leidensmiene in Positur stellt und so die ersten Fahrgäste erwartet. Insgesamt aber ein zu sentimentaler Kerl voller Selbstmitleid, ohne dass Maertens dabei das furiose Wechselspiel Handkes zwischen Schriftsteller, Theater, Zuschauer ironisch brechen würde.</P><P>Peymann lässt Maertens agieren, als gäbe es eine vierte Wand. Die vielen Angebote des Autors, auch mal aufs Publikum als U-Bahn-Fahrer einzudreschen, versagt er ihm. So geht allmählich die Komik des Textes verloren. Larmoyanz macht sich breit.</P><P>Dass die Inszenierung am Ende nicht ganz in sentimentalem Kitsch versinkt, dafür sorgt erstens der klinisch weiße Metro-Waggon, den Karl-Ernst Herrmann auf die Bühne gestellt hat; zweitens die zum Schluss erscheinende, fabelhaft geisternde Dörte Lyssewski als Wilde Frau. Und drittens die donnernde, lockende Stimme Thomas Holtzmanns. Den hat sich Claus Peymann aus München ausgeborgt, damit der ihm wie aus einem Bahnsteiglautsprecher das triumphierende Fazit über des Dichters Jugend jubelt: "Es war eine herrliche Zeit. Es war eine mächtige Zeit. Es war die schönste Zeit." </P><P>Und während die Zuschauer das Theater verlassen, klingen Holtzmanns Sätze, mehrfach wiederholt, nach draußen in die kühle Herbstnacht von Berlin. Und es umfängt den Münchner ein Stück Theaterheimat.</P>

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