Serge Dorny
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„Ich unterschätze das Publikum nicht“: Serge Dorny (59) beginnt im September seine Münchner Amtszeit.

INTERVIEW ZUM UMBRUCH AM MAX-JOSEPH-PLATZ

Serge Dorny über seine erste Spielzeit als Intendant der Bayerischen Staatsoper

  • Markus Thiel
    vonMarkus Thiel
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Neun von elf Opernpremieren mit Stücken aus dem 20. und 21. Jahrhundert, das ist eine Ansage (Auflistung am Ende des Interviews). Auch sonst wird sich viel ändern, wenn Serge Dorny im Herbst sein Amt als Intendant der Bayerischen Staatsoper antritt. Der 59-Jährige war bisher Chef der Oper in Lyon, die der gebürtige Belgier zu internationaler Bedeutung verhalf.

Serge Dorny, künftiger Intendant der Bayerischen Staatsoper, im Gespräch mit Musikredakteur Markus Thiel.

Kulinariker könnten angesichts Ihrer ersten Spielzeit aufstöhnen, weil sie Mozart-, Verdi- oder Wagner-Premieren vermissen. Was entgegnen Sie?

Es gibt keinen Grund aufzustöhnen. Die Bayerische Staatsoper ist in der glücklichen Lage, über ein gut bestücktes Repertoire zu verfügen und somit jede Saison eine breite Palette von Opern anbieten zu können. Dies bietet Perspektiven für neue Produktionen, die dem Repertoire Farben hinzufügen und es noch weiter verbreitern. „Peter Grimes“ beispielsweise, eines der Meisterstücke des 20. Jahrhunderts, hatte 1991 seine letzte Premiere in der Bayerischen Staatsoper – mit René Kollo in der Titelrolle. Ich halte den Anfang des 20. Jahrhunderts für eine äußerst interessante und vielfältige Zeit. Und das nicht nur musikalisch. Viele Komponisten ließen sich von großen literarischen Werken inspirieren oder arbeiteten mit bedeutenden Schriftstellern zusammen.

Die erste Premiere eines Intendanten ist immer eine Visitenkarte. Was wollen Sie Ihrem neuen Publikum mit einer grotesken, gerade mal zweistündigen Satire wie Schostakowitschs „Nase“ sagen?

Ich möchte jede Saison unter ein Motto stellen. In der ersten Saison ist es ein Zitat des ungarischen Schriftstellers Dezsö Kosztolányi. Er sagt: „Jeder Mensch ein Meisterwerk. Jeder Mensch ein König.“ Es geht also um die Unterschiede, die eine Gesellschaft ausmachen, und das zieht sich durch alle Premieren. Wir haben oft Schwierigkeiten mit jenen, die anders sind als wir. Dabei sind die Gegensätze das Bereichernde. Schostakowitschs Oper dreht sich genau darum: Ein Mensch ohne Nase verliert einen Teil seiner Identität. Identität ist allerdings enorm wichtig geworden in unserer Gesellschaft, denn sie spiegelt den persönlichen Status wider. Wir sind sehr beschäftigt mit uns selbst: Wer oder was sind wir? Wie sehen wir aus? „Die Nase“ bietet dem neuen Generalmusikdirektor Vladimir Jurowski auch die Möglichkeit, das Ensemble des Hauses in einer Produktion zu präsentieren. „Die Nase“ ist sowohl musikalisch als auch thematisch ein hochinteressantes Stück.

Viele Stücke in Ihrer ersten Saison sind hier lange nicht gespielt worden. Dazu kommen Regisseure wie Kirill Serebrennikow oder Stefan Herheim, die international sehr angesagt sind, in München aber debütieren. Hinkt die Bayerische Staatsoper der allgemeinen Entwicklung hinterher?

Diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten. Mozart, Strauss und Wagner sind hier unheimlich gut aufgestellt. Aber die großen Werke Rossinis, Janáčeks oder Brittens sind eigentlich weniger präsent. Es gibt also Möglichkeiten, neue Akzente zu setzen.

Wird das Publikum in der Konzentration auf die Hits manchmal unterschätzt?

Es gibt in München ein extrem neugieriges Publikum. Es ist ästhetisch sehr offen, wenn Sie sich die theatralen Handschriften der vergangenen Jahrzehnte anschauen. Und alle sind immer mitgegangen. Ich unterschätze das Publikum nicht. Deshalb bieten wir eine Vielfalt von Möglichkeiten an. Natürlich gibt es auch Kontinuitäten, nehmen wir etwa die Rückkehr von Regisseur Barrie Kosky. Wir wollen aber auch neue Regisseure vorstellen, wie Anna-Sophie Mahler, Marie-Eve Signeyrole oder David Marton. Christophe Honoré, der „Les Troyens“ inszeniert, hat noch nie an einem deutschen Opernhaus gearbeitet. Ich versuche, eine Vielfalt an Handschriften zu zeigen – und das betrifft auch den Graben. Denken Sie an Mirga Gražinytė-Tyla, Gábor Káli oder an den Ersten Gastdirigenten Daniele Rustioni.

Fast alle Premieren sind Koproduktionen, unter anderem mit Moskau und Sydney. Können Sie nur deshalb, auch wegen dieser finanziellen Kooperationen, elf Opern-Neuinszenierungen herausbringen?

Wir zeigen Produktionen, auch in den künftigen Spielzeiten, die mittel- bis längerfristig ins Repertoire übernommen werden sollen. Andere wiederum werden eine kürzere Lebensdauer haben. Pendereckis „Die Teufel von Loudun“ oder Berlioz‘ „Les Troyens“ etwa sind Meisterwerke, und wir haben die Verantwortung, ihnen ein weiteres Bühnenleben und immer wieder ein neues Sehen und Hören zu ermöglichen. Deshalb auch Koproduktionen, weil sie für eine weitere Verbreitung sorgen. Es ist, wenn Sie so wollen, eine Frage der Nachhaltigkeit.

Sie haben das Glück, dass Sie im September beginnen, wenn – so ist zu hoffen – das Schlimmste der Corona-Zeit überstanden ist. Haben Sie trotzdem Angst, dass Ihre großen Pläne für die nächsten Jahre an schrumpfenden Kultur-Etats scheitern?

Bayern ist doch ein Kulturstaat, das steht sogar in der Verfassung.

Davon war in den vergangenen 14 Monaten oft nichts zu merken. Es wird trotzdem eine Zeit kommen, in der weniger Geld zur Verfügung steht.

Dem Kunstministerium ist bekannt, was wir in den kommenden Jahren vorhaben. Und ich gehe davon aus, dass diese Pläne auch finanziell weiterhin unterstützt werden. So wurde es mir auch zugesichert. Koproduktionen sorgen eben auch finanziell dafür, dass unsere Pläne verwirklicht werden können.

Wird es bei dieser großen Anzahl der Premieren, bei dieser Symphonie mit elf Paukenschlägen bleiben?

In der Saison drauf gibt es eine Symphonie mit zehn Paukenschlägen. Wir werden versuchen, jede Saison zehn oder elf Opern-Premieren zu zeigen. Außerdem versuchen wir, auch im Repertoire hochinteressante Besetzungen und Dirigenten zu bringen. Ich will mich um das Repertoire genauso wie um die Premieren kümmern. Jede Vorstellung muss als Notwendigkeit betrachtet werden. Ganz allgemein gesagt: Theater ist eine absolute Notwendigkeit in unserer Gesellschaft. Es bringt die Menschen immer wieder zusammen. Wir verbringen viel Zeit in Sozialen Netzwerken, vor dem Computer oder dem Tablet, aber unserer Gesellschaft fehlt es an Orten, an denen man sich treffen und versammeln kann.

Lernen aus der Pandemie: Wie steht es künftig um die Digitalformate?

Zu Beginn der Pandemie wurden Streams als 1:1-Lösung eingesetzt. Was auf der Bühne war, wurde so übertragen. Aber eigentlich kann es das Bühnengeschehen nicht so übersetzen. Ich darf es dann nur mit den Augen eines Regisseurs sehen, mir fehlt auch die Kollektiverfahrung, die gemeinsame Reaktion auf das Angebotene. Ich selbst schaue mir eigentlich nie eine dreistündige Oper auf dem Bildschirm an. Das Digitale bietet unglaublich viele andere Möglichkeiten, die wir noch nicht genutzt haben, aber es nun tun werden! Aber die größte Lehre aus der Pandemie: Das Publikum ist das Wichtigste! Für uns Zuschauer und -hörer, aber auch für die Künstler und Künstlerinnen auf der Bühne. Wir reagieren ja alle aufeinander.

Bei unserem Gespräch vor zwei Jahren meinten Sie, Sie müssten erst das Münchner Kulturleben, seine Akteure und seine Möglichkeiten näher kennenlernen. Wie stellt sich dieses Biotop nun für Sie dar?

Mir war immer klar, wie reichhaltig das Kulturleben hier ist. Mittlerweile habe ich viele Akteure getroffen, von den Museen über die Theater bis zur Theaterakademie. Von den Orchestern bis zur Filmhochschule. Ich habe tolle, offene und sehr interessierte Menschen kennengelernt. In diesen unglaublichen Kulturkosmos möchte ich ein eigenes neues Momentum setzen, indem ich einige Dinge neu organisiere oder in neue Zusammenhänge stelle. Darum zum Beispiel „Oper für alle“ in Ansbach zum Auftakt der Spielzeit beim Septemberfest. Darum auch das Frühlingsfestival „Ja, Mai“, das die Verbindungen von zeitgenössischem Musiktheater zu anderen Genres und Kunstformen wie Sprechtheater, bildende Kunst und Tanz knüpft. Hier wird es Kollaborationen mit anderen Schauspielhäusern und Instituten geben. Die Bayerische Staatsoper wird dabei kein Primus, sondern ein Unus inter pares sein – und ein Katalysator.

Was ist an Ansbach so wichtig, dass Sie am 17. September 2021 dort mit einem „Oper für alle“-Konzert und Jonas Kaufmann Ihre erste Spielzeit beginnen?

Wir sind die Bayerische Staatsoper, somit nicht exklusiv für die Münchner da. Die Idee ist, das Septemberfest jedes Jahr an einem anderen Ort starten zu lassen. Das kann auch mal München sein, mal Landshut. Ich frage mich einfach, wie wir uns in der Stadtgesellschaft, aber auch in den Regionen anders präsentieren können. In München bieten wir beim ersten Septemberfest einstündige Kurzformate an. Puccinis „Il tabarro“ und „Gianni Schicchi“, Ballett im Cuvilliéstheater oder ein Jazzkonzert, und das zu einem sehr günstigen Preis. Im Brunnenhof wird es ein buntes Angebot bis zu Flashmobs und partizipativen Aufführungen geben.

Wenn Sie Ihren Beginn in Lyon mit dem in München vergleichen: Wie unterscheiden sich diese beiden Momente für Sie? Lyon haben Sie zum zweitwichtigsten Opernhaus Frankreichs gemacht, also Aufbauarbeit geleistet. Und hier?

Die Oper in Lyon und die Bayerische Staatsoper kann man nicht vergleichen. München ist für mich ein anderes Kapitel. Die Bayerische Staatsoper ist ein Spitzenhaus. Das Interessante für mich wird eine Neubefragung sein. Das Haus hat zu Recht sehr starke Wurzeln. Aber vielleicht schnallen wir uns Flügel um und fliegen in Richtungen, an die man vorher gar nicht gedacht hat. Wir müssen das Publikum immer wieder begeistern und überraschen.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

Die Premieren der Spielzeit 2021/2022:
Oper:
„Die Nase“ von Schostakowitsch am 24.10.21 (Dirigent: Vladimir Jurowski, Regie: Kirill Serebrennikow).
„Giuditta“ von Lehár am 18.12.21 (Gábor Káli, Christoph Marthaler).
„Das schlaue Füchslein“ von Janácek am 30.1.22 (Mirga Grazinyte-Tyla, Barrie Kosky).
„Peter Grimes“ von Britten am 28.2.22 (Edward Gardner, Stefan Herheim).
„L’infedeltà delusa“ von Haydn am 19.3.22, Opernstudio (Giedre Slekyte, Marie-Eve Signeyrole).
„Les Troyens“ von Berlioz am 9.5.22 (Daniele Rustioni, Christophe Honoré).
„Bluthaus – Lamento della Ninfa, Il ballo delle ingrate“ von Haas und Monteverdi am 21.5.22 (Titus Engel, Claus Guth).
„Koma – Il combattimento di Tancredi e Clorinda“ von Haas und Monteverdi am 22.5.22 (Teodor Currentzis, Romeo Castellucci).
„Thomas – Lamento d’Arianna“ von Haas und Monteverdi am 23.5.22 (Alexandre Bloch, Anna-Sophie Mahler).
„Die Teufel von Loudun“ von Penderecki am 27.6.22 (Vladimir Jurowski, Simon Stone).
„Capriccio“ von Strauss am 17.7.22 (Lothar Koenigs, David Marton).
Ballett:
„Cinderella“ am 19.11.21 (Choreografie: Christopher Wheeldon).
„Passagen“ am 26.3.22 (Alexei Ratmansky, David Dawson, Marco Goecke).
„Heute ist morgen“ am 24.6.22 (junge Choreografinnen und Choreografen, Bekanntgabe folgt).

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