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Charismatischer Klangarbeiter: Vladimir Jurowski, derzeit noch Chef in Berlin und London, wird Generalmusikdirektor an der Bayerischen Staatsoper.

BAYERISCHE STAATSOPER

Regierungsbildung abgeschlossen: Dorny und Jurowski kommen nach München

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Lang hat es gedauert, längst waren die Namen bekannt, nun ist es offiziell: Serge Dorny und Vladimir Jurowski wechseln an die Bayerische Staatsoper

München - Über die Regierungsbildung in Deutschland und demnächst in Italien lässt sich leicht spotten. Doch auch an der Bayerischen Staatsoper hat es lange gedauert, bis die neue Führung bestimmt war. Vier, fünf Jahre, das ist normalerweise die Vorlaufzeit für eine Premiere in der Champions League des Musiktheaters. Frühe Planungen sind also essenziell. Ab Herbst 2021 ist große Amtsübergabe am Max-Joseph-Platz, doch erst jetzt ist alles in trockenen Tüchern: Serge Dorny wird Intendant der Staatsoper als Nachfolger von Nikolaus Bachler, Vladimir Jurowski löst Kirill Petrenko als Generalmusikdirektor ab. Das wurde gestern vom Bayerischen Kabinett beschlossen, am kommenden Montag präsentieren sich beide in München.

Eine Überraschung ist diese Personalie nicht. Seit Wochen läuft alles auf den Intendanten der Oper Lyon und auf einen Maestro hinaus, der zurzeit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und dem London Philharmonic Orchestra vorsteht. Auf welcher Seite der Umbruch in München größer ist, auf musikalischer Ebene oder auf der des Managements, lässt sich noch nicht genau sagen. Fest steht: Der 45-jährige Jurowski, gebürtiger Moskauer und Wahl-Spandauer, ist anders strukturiert als Petrenko. Während Letzterer für sein extremes bis penetrantes Puzzeln berühmt ist, tritt Jurowski als charismatischer, manchmal fast dämonischer Klangformer auf. Ein Pultstar, der in der Live-Situation noch Luft lassen kann und damit auch der Magie des Augenblicks (und seinem Orchester) vertraut – was nicht heißen soll, dass er nicht intensiv probt.

Jurowski wird andere Positionen aufgeben müssen

Für seinen Münchner Job wird Jurowski Positionen aufgeben müssen. Neben Berlin und London ist er noch dem Orchestra of the Age of Enlightenment, dem russischen Svetlanov Symphony Orchestra und dem rumänischen George-Enescu-Festival verbunden. Da Jurowski erst im vergangenen Herbst das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin übernommen hat, wird allgemein erwartet, dass er dieses behält, aber mindestens sein Londoner Amt abgibt.

Für Serge Dorny ist die Berufung nach München ein lang erhoffter Schritt und eine Genugtuung. Schon einmal wollte er Lyon verlassen, um an die Dresdner Semperoper zu wechseln. Nach Vertragsabschluss wurde ihm 2014 bekanntlich gekündigt. „Kommunikationsprobleme“, hieß es offiziell. Ein Zerwürfnis mit Christian Thielemann, dem Chef der Staatskapelle, war wohl der eigentliche Grund. Dass Dorny nach Frankreich zurückkehrte, war zwar möglich, stieß aber dort nicht bei allen Beteiligten auf Gegenliebe.

Serge Dorny ist seit 2003 Intendant der Oper Lyon.

Programmatisch ist der 56-jährige Belgier geprägt durch sein Zusammenwirken mit dem fast legendären, 2014 gestorbenen Opernmanager Gerard Mortier. Für ihn arbeitete Dorny als Dramaturg an der Brüsseler Oper. Seitdem hat sich Dorny seine Neugier auf Ungewöhnliches, Innovatives bewahrt. Das Who’s Who des Opernmarktes, ob im Falle von Regie oder Dirigenten, bedient er schon auch. Doch sehr häufig gab Dorny in entscheidenden Rollen und ebensolchen Positionen auch Künstlern eine Chance, die noch nicht im Scheinwerferlicht der Klassikszene stehen oder sich an Neuem ausprobieren wollen. Bezeichnenderweise dirigierte Kirill Petrenko in Lyon seinen ersten „Tristan“.

Von Dorny sind Überraschungen zu erwarten

Während also Nikolaus Bachler – abgesehen etwa von Neuentdeckungen wie dem Schauspielregisseur David Bösch – München eher Promi-Namen bescherte, die schon andernorts längst aktiv waren und sind, könnten von Dorny Überraschungen zu erwarten sein. Die Spielplan-Struktur von Lyon wird er nicht auf München übertragen können. Dort wird im Stagione-System gespielt, nach einer Serie ist eine Produktion abgespielt, dann kommt die nächste. Aufsehen hat Dorny in der vergangenen Saison mit einer Wiederbelebung dreier legendärer Inszenierungen erregt: ein Mini-Festival, das nostalgisch zurückblickt und Altes zugleich im aktuellen Kontext betrachtet – auch dafür wurde Lyon kürzlich zum Opernhaus des Jahres gewählt.

Die Verträge von Dorny und Jurowski gelten zunächst für fünf Jahre. Schon am 31. August 2020 endet Petrenkos Amtszeit als Generalmusikdirektor, weil er danach endgültig als Chef zu den Berliner Philharmonikern wechselt. Für die Spielzeit 2020/ 2021 konnte der Star, der an der Isar fast als Messias verehrt wird, daher noch als Gast verpflichtet werden.

Das Bayerische Kunstministerium hat aus einer seiner größten Fehlentscheidungen offenbar gelernt. Während Nikolaus Bachler und der damalige Generalmusikdirektor Kent Nagano nie zueinander fanden, kennen sich Dorny und Jurowski von früher: Als Dorny Generaldirektor des London Philharmonic Orchestra war, knüpfte Jurowski erste Kontakte zu diesem Klangkörper. Und offenbar wurde der baldige Generalmusikdirektor in München schon mit einem Filetstück betraut. Laut Medienberichten wird er einen neuen „Rosenkavalier“ dirigieren, Otto Schenks Evergreen (damaliger Premierendirigent war Carlos Kleiber), wird eingemottet.

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