Seufzer und Sehnsüchte

- Schön ist, dass sich das Werk Einordnungen entzieht. Monumentalen Aufgipfelungen wie im "Tuba mirum" steht ein opernhafter Gestus gegenüber, volkstümliche Ausgelassenheit ("Quam olim Abrahae") kontrastiert zu einem charakteristischen, herbstlich verhangenen Tonfall. Und verklammert wird alles durch ein immer wiederkehrendes, kurzes Motiv. Eine Umspielung des Tones "F", Seufzer und sehnsuchtsvolle Gebärde zugleich.

<P>Am allerschönsten ist aber, dass all diese Aspekte im Herkulessaal auch hörbar gemacht wurden. Mit großer Ernsthaftigkeit und Intensität haben sich Mariss Jansons, die BR-Symphoniker und der BR-Chor Antonín Dvoráks Requiems angenommen. Die idiomatische Besonderheit der Partitur erspürend, extreme Emotion stets in eine homogene Klanglichkeit einbindend. Und fest entschlossen, das Opus auf einen Rang mit vergleichbaren Vertonungen der Totenliturgie zu stellen. Was gelang.</P><P>Jansons holte das Stück immer wieder in die Intimität zurück, ließ innehalten, Phrasen ausschwingen. Als ob sich die Musik dann ihrer selbst bewusst werden müsste, um nach Neuem zu drängen. Gekonnt wurde die oft dicke Instrumentation gelichtet: Trockene Akzente durchzogen das "Dies irae", Jansons verdeutlichte Bläserstimmen, die große Fuge ließ er in gemäßigtem Tempo musizieren, wodurch sie - einziges Problem - etwas übergewichtig, täppisch wirkte.</P><P>Star des Abends: der BR-Chor, von Michael Gläser zu porentief reiner Intonation in den a-cappella-Momenten und geschlossener Klangwucht erzogen. Krassimira Stoyanova zeigte sich unerschrocken angesichts des heiklen Sopran-Parts, verlegte sich aber gern auf konsonantenlose Vokalisen. Robert Holl (Bass) brachte Belcanto-Emphase, Stuart Skelton (Tenor) gab den wohlerzogenen Stilisten. Doch eine überstrahlte alle: Elina Garanca (Mezzo), stimmlich makellos und mit imponierender Ausdruckskraft gesegnet.</P><P>Mit Jubel wurde das Ensemble in den Feierabend verabschiedet - und in die kurze Luzern-Tournee, für die man das derzeit wohl beste Gastgeschenk einpackte: Dvoráks Requiem.<BR><BR></P>

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