Sevilla in den Alpen

- Was ist dran an dieser Ukrainischen Staatsoper Kiew, dass sie mit ihren Aufführungen durch die Welt reist, dass sie gastiert von Japan bis Oberammergau? Gerade macht sie in dem oberbayerischen Dorf Station. Im Passionsspielhaus hatte gestern George Bizets "Carmen" Premiere; zu sehen noch diesen Samstag und Sonntag.

Was also ist das Besondere an diesen Künstlern? Sie sind - als Kollektiv - authentisch. Hier präsentiert sich ein wirkliches Ensemble. Darin unterscheiden sie sich von den diversen, vielfach zusammengewürfelten Opern-Event-Reise-Unternehmen.

Rechtzeitig zur Premiere am Freitagabend verdrängten angenehme Spätsommertemperaturen die fast schon frostige Witterung an den Tagen zuvor, jenen Tagen der Einspiel-Proben. Da nämlich ließ kalter Wind Musiker und Sänger bibbern. Doch geprobt werden musste nun mal. Denn die Übertragung der Inszenierung vom heimischen Opernhaus auf die Breitwandbühne des Passionsspielhauses ist so einfach nicht.

Dynamik und Gefühl

Ganz Kiew, hat man das Gefühl, ist in Oberammergau auf den Beinen. Am frühen Vormittag, kurz vor Probenbeginn, als das Musterdorf noch nicht so massiv  von Touristenströmen heimgesucht ist, begeben sich nach und nach an die 200 Mitglieder des "Ukrainischen Nationaltheaters für Oper und Ballett Taras Schewtschenko" (das war ein ukrainischer Schriftsteller) - so der offizielle, ehrenvolle Name - durch die Fußgängerzone des schmucken Orts. Solisten, Choristen - Erwachsene und Kinder, Tänzer, Orchestermusiker, Techniker, Statisten, die Leitungs-Crew, angeführt von Intendant Petr Tschuprina: Sie alle wohnen in den Hotels und Pensionen in Oberammergau, Kohlgrub und Umgebung. Nun hat man sich, einen Tag vor der Premiere, getroffen zur ersten Bühnenprobe mit Orchester. Auf Kostüm und Maske wurde weitgehend verzichtet, stattdessen trug man schützende Anoraks, Wollschals, dicke Schuhe. Elf Grad Wärme - das ist entschieden zu kalt für hoch empfindliche Stimmen.

Generalmusikdirektor Wladimir Koshuchar braucht eine Weile, bis er mit der Ouvertüre beginnt. Das Dirigentenpult ist ihm zu niedrig. Unerwartete Schwierigkeiten, es passend zu machen. Dann die ersten Takte aus dem auch in Oberammergau verdeckten Orchestergraben. Die Kälte scheint vergessen bei dieser herzerwärmenden Dynamik. Ein berauschendes Gefühl. Eine fantastische Akustik. Eine hohe, künstlerische Professionalität. Streng ist Koshuchar, immer wieder klopft er ab, feilt akribisch am Ton, an einer Phrase, an Klang und Stimmung. Ohne zu forcieren oder dick aufzutragen. Und plötzlich ist Sevilla gar nicht mehr so weit weg von Oberammergau.

Unaufdringlich und natürlich in ihrer Kunst - das gilt auch für die Sänger, die auf dieser von uns besuchten Probe sich freilich ein wenig schonen müssen für den Premierenabend. Zentrum dieser Aufführung ist zweifellos die fabelhafte Tatjana Anissimowa. Eine wunderschöne, warmherzige, weiche Carmen, die es nicht nötig hat, ihre "Verruchtheit" zur Schau zu stellen. Eine Carmen, die absichtslos verführt, liebt, betört und betrügt. Nichts in ihrem Spiel ist aufgesetzt, geschauspielert oder dämonisiert. Voller Selbstverständlichkeit auch ihr Gesang, ihre kultivierte, erotische und in breiter Palette strahlende Stimme. Andrej Romanenko ist ein etwas tapsiger Don José, aber mit tenoralem Glanz und tragischer Färbung. Diese Aufführung beglaubigt das Selbstverständnis der Kiewer, ein Hort der großen Sängertalente zu sein. Lilija Grewtzowa (Micaëla) gehört dazu.

Nicht bestätigt werden kann hingegen, dass die Staatsoper Kiew in Fragen der Regie auf der Höhe der Zeit wäre. Allerdings ist die Inszenierung von Nikolaj Kuznezov in der Oberammergau-Version (Einrichtung: Walentina Reka, Nikolaj Tretjak) auch schwer einzuschätzen. Denn die Breitwandbühne des Passionsspielhauses befördert geradezu das plakative Rampen-Schaulaufen. Von dem Versuch einer zeitgenössischen Deutung der Oper ist man jedenfalls meilenweit entfernt. Das dürfte all jene freuen, die sich über so manche krampfhafte Umdeutung klassischer Werke auf deutschen Subventionsbühnen ärgern. "Carmen" aus Kiew: eine Opernaufführung der lieblichen Art.

Vorstellungen: diesen Samstag und Sonntag, 20 Uhr. Karten unter: Tel. 08822/ 92 31 58 oder 0180/ 50 15 010; www.muenchenticket.de; Kinder und Jugendliche bis zum 15. Lebensjahr zahlen den halben Preis.

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