Die sexuelle Not des Tänzers

- Virtanen hat eine Leidenschaft, das Tangotanzen. Und ein Ziel (außer der beste Tänzer zu sein): Er will Platon übertreffen. Keineswegs ist der Finne Virtanen ein Philosoph. Und er meint seinen Vorsatz ganz und gar nicht platonisch, sondern vollkommen körperlich: Hatte Platon gepredigt, ein Mann solle keusch bleiben, bis er 35 Jahre alt ist, so will Virtanen es bis zum 36. Lebensjahre sein. Aber das Tangoparkett ist nicht das einfachste Pflaster für seinen harten Weg der persönlichen, nicht näher erklärbaren Läuterung.

<P>Denn natürlich regt sich in der verabredeten Umarmung mit den Frauen - und so versteht er den Tango - sein, wie er "ihn" nennt, Bengel. Weshalb er ihn auf der Toilette züchtigen oder er selbst in letzter Sekunde aus der Wohnung der jeweils gefährlich werdenden Dame unter dramatischen Vorwänden fliehen muss.<BR><BR>Was der gerade noch 35-jährige Ich-Erzähler sonst tut, außer finnische Tangos hören und in den Tanzlokalen Helsinkis die Frauen zum Verzweifeln bringen, weiß man nicht. Er ist der Held in M. A. Numminens Roman "Tango ist meine Leidenschaft"; einem Buch, das unter der Feder des Musikers, Philosophen und in Finnland berühmten Allround-Künstlers zugleich zu einer Abhandlung über diese Musik gerät, die in Finnland eine eigene Ausprägung gefunden hat. </P><P>Immerhin erfährt man so: Den ersten finnischen Tango komponierte ein Soldat im finnisch-russischen Krieg während einer Feuerpause. Ein Stück aus russischer Romanze und deutscher Marschmusik. Die eingeschobenen Essays über Komponisten, Texter, Arrangeure und Lied-Versionen sind allerdings etwas für Spezialisten. All dies wabert aber auch im Kopf dieser komischen, verzweifelt prinzipientreuen Figur herum, die ihren Eroberungen gerne etwas vordoziert. Denn Virtanen denkt nur an zwei Dinge - den Tango und die Frauen, ein ewiger Gedankenreigen.<BR><BR>Ob der Tänzer seinem Vorsatz treu bleibt und seinen Geschlechtstrieb heldenhaft besiegt - soll nicht verraten werden. Wohl darf man aber eine andere Niederlage vermelden: Wegen der großartigen Anja gerät Virtanen doch in die gefürchteten Komplikationen der Liebe. Natürlich ist es die Spannung ob seines verschrobenen Vorsatzes, die den Roman antreibt. Es ist aber auch diese köstlich parodierte Verbohrtheit, der die Lektüre der an sich abwechslungsarmen Geschichte so lustig macht. Und vor allem vergnügt die pointierte Skizzierung von Atmosphäre und Charakteren denjenigen, der sich in Virtanens Leidenschaft ein wenig einfühlen kann.</P><P>M. A. Numminen: "Tango ist meine Leidenschaft". <BR>Roman.  Aus dem Finnischen von Eike Fuhrmann. <BR>Verlag Gerd Haffmanns bei Zweitausendeins. <BR>347 Seiten<BR>13,50 Euro.<BR><BR>Der Autor liest heute (20.10.03), 20 Uhr, im Münchner Literaturhaus.<BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Unser Soul-Arbeiter
Lee Fields brachte den Club Ampere zum Dampfen
Unser Soul-Arbeiter
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Jempten - Falco wäre im Februar 60 Jahre alt geworden. Er starb jung, doch seine Hits wie „Rock Me Amadeus“ und „Jeanny“ begeistern die Menschen noch immer.
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
München - Ein starkes Signal beim 38. Bayerischen Filmpreis: Im Münchner Prinzregententheater wurden am Freitagabend fünf Regisseurinnen ausgezeichnet.
Frauensache: Fünf Regisseurinnen ausgezeichnet
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater
München - Fredrik Rydman begeistert mit seiner zeitgenössischen Version „Nutcracker reloaded“ in Münchens Deutschem Theater. Lesen Sie hier unsere Premierenkritik:
Der Nussknacker wirbelt durchs Deutsche Theater

Kommentare