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„Der Sturm“ hat das Schiff ergriffen; noch kämpfen die Matrosen, und die Adelsgesellschaft schlottert.

Premierenkritik

Shakespeares Drama „Der Sturm“ am Münchner Volkstheater 

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München - Christian Stückl inszenierte für das Münchner Volkstheater  Shakespeares Drama „Der Sturm“. Eine Premierenkritik.

So muss er sein, der Theaterzauber. Alle sitzen vor der Bühne, sehen einen Haufen Bretter, die überhaupt nicht danach ausschauen, dass sie die Welt bedeuten – dann bricht das Getöse los. Und wir alle, die wir im Parkett versammelt sind, erleben schlagartig das Unwetter, sehen die Brecher über das Schiff donnern, bewundern den aussichtslosen Kampf der Seeleute an den Tauen. Die Bretter bedeuten vielleicht nicht die Welt, aber unser Leben. Das uralte Sinnbild des Schiffs im Schicksalssturm steckt jetzt in dem aufgetürmten Theaterholz. Und jeder weiß: Auch mein Schiff kann zerschellen.

Christian Stückl, Intendant des Münchner Volkstheaters, hat William Shakespeares Drama „Der Sturm“ (Uraufführung 1611; Übersetzung: Franz Dingelstedt) nun für sein Haus inszeniert. Die Premiere wurde am Freitagabend gefeiert. Stefan Hageneier baute ihm dafür ein Bühnenbild, das inspiriert ist von Géricaults Gemälde „Das Floß der Medusa“ und Caspar David Friedrichs „Die gescheiterte ,Hoffnung‘“. Diese Symbol-Landschaft eines kaputten Schiffs, aus dem der geborstene Mast ragt, erweist sich indes auch als doppelbödig und abgründig. So ist sie Prosperos Insel und Spiegel der menschlichen Seele. Und fordert von den Schauspielern viel Körperbeherrschung im Herumstolpern und Fallen. Stückl zeigt in seinem auf knapp zwei Stunden gekürzten „Sturm“ keinen fein geklöppelten Shakespeare, sondern den des Globe Theatre, in dem gesoffen, gerauft und geratscht wurde. Bis auf Prospero tendieren bereits beim alten Engländer alle Figuren zur Karikatur.

Stückl arbeitet die wichtigen Aussagen heraus

Die zeichnet der Regisseur im Volkstheater dem jeweiligen Schauspieler auf den Leib. Dabei arbeitet Stückl zugleich die wichtigen Aussagen des Stücks heraus. Da gibt es den Hochmut und Rassismus derer, die sich für etwas Besseres halten und doch nur Sklaven wollen. Da gibt es den Opportunismus bis zum Mord. Und es gibt Gier und Rachsucht. In dieses grausame Szenario wird kühn und ungeniert die Utopie einer guten Herrschaft, vorgetragen vom braven Hofmann Gonzalo (Thomas Kylau), und sogar Vergebung sowie Selbstentmachtung gesetzt. Theater als Ethik-Seminar und Navigationshilfe, das Schiff doch noch in den sicheren Hafen zu bringen. Da sind sich Shakespeare und Stückl genauso einig wie in der Lust an Unterhaltung.

Deswegen dürfen das Dialog-Florett wirbeln lassen: der fiese Prospero-Bruder Antonio (Roman Roth etwas blass) und der fiese Sebastian (Mehmet Sözer herrlich affig), der endlich seinen Bruder, König Alonso von Neapel, per Dolchstoß beerben möchte. Deswegen dürfen  die  Seeleute und Suffköpfe Stephano (Jean-Luc Bubert artistisch in seinem Element) und Trinculo (Jakob Geßner knorrig), wunderbar ausstaffiert mit mächtigen Schifferbärten, bis zur Peinlichkeit (Kacke-Kalauer – wer’s mag!?) herumblödeln. Neben diesem Quartett gehen seltsamerweise der versklavte Insel-Ureinwohner Caliban (Timocin Ziegler), Luftgeist Ariel (Enno Haas, noch Gymnasiast) und Alonso (Nicholas Reinke), der doch um seinen Sohn trauert, ziemlich unter. 

Figur der Miranda profitiert von Stückls Inszenierung

So stiefväterlich Christian Stückl sie behandelt hat, so sehr hat er das junge Liebespaar aufgewertet. Vor allem Miranda (Carolin Hartmann) profitiert von seinem Witz. Sie ist nicht einfach eine liebe Fünfzehnjährige, sondern eine Pubertierende – Papa Prospero nervt und ist genervt –, die endlich wissen will, was sexuell Sache ist. Da sie nur das Inselleben kennt, also lediglich Vater und Caliban, ist der vom Sturm angespülte Prinz Ferdinand (Jonathan Müller mit guter Komik) schon eine Schau. Dass er und die anderen Adeligen daherkommen wie Strauchdiebe aus einem Roman von Charles Dickens, merkt sie nicht. Eher, dass es nicht nach ihrem Kopf geht; obwohl die Schamkapseln, die Hageneier den jüngeren Herrn verpasst hat, doch so interessant sind. Stückl macht sich einen Spaß und mischt etwas „Sommernachtstraum“-Geplänkel in diesen „Sturm“ der Liebe.

Damit greift er auf, dass Shakespeare hier mit seinem Theater im Theater deutlich das Medium thematisiert und reflektiert. Natürlich ist der Zauberer Prospero ein großer Theatermacher, Regisseur, Arrangeur, Illusionskünstler und auch Manipulator. All das zeigt Pascal Fligg in seinem Spiel auf. Als antiker Philosoph gewandet gibt er schon mal den göttlichen Donnerer, droht oft voller Wut und Überheblichkeit mit Foltermethoden. Da der Schauspieler das leicht gebremst spielt, glaubt man ihm am Ende den Wandel zu einem, der vergeben kann – obwohl er sieht, dass nicht jeder der Verbrecher bereut. Pascal Fligg beglaubigt in seiner Gestaltung eine Art Überlebenspragmatismus. Und wenn er im Epilog aus seiner Rolle halb heraustritt, sich in den zu niedrig positionierten Scheinwerferkegel hocken muss, glauben wir ihm: dass Verzeihen essenziell ist – und lieben so ein Theater.

Nächste Vorstellungen

am 2., 3., 8. November; Karten: 089/ 523 46 55.

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