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„Peer Gynt kommt in so einen komischen Größenwahn rein. Bei mir ist es kein Größenwahn, aber auch ich kenne dieses Gefühl, nie zufrieden zu sein“, sagt Shenja Lacher über seine Figur. David Böschs Inszenierung von Henrik Ibsens Drama feiert heute Abend im Münchner Residenztheater Premiere.

Am Residenztheater

Shenia Lacher spielt Peer Gynt: Weiter, immer weiter

München - Schauspieler Shenja Lacher scheint nicht müde zu werden beim Ausloten seiner Figuren – am Residenztheater spielt er jetzt Peer Gynt.

Weniger als Höchstleistung geht nicht. Shenja Lacher kann nicht 40 Prozent; es müssen immer 100 sein. „Jedes Mal nehme ich mir bei den Proben vor, mal low level zu spielen – doch das funktioniert nicht. Sobald ich anfange zu spielen, merke ich, wie sich alles anspannt, wie meine Stimme laut wird – und ich voll da bin, total in meine Rolle reinkomme.“ Während er nur davon spricht, zeichnet sich die Halsschlagader deutlich ab, hinter jedem Wort steckt Kraft.

Er sitzt da, in der Kantine des Münchner Residenztheaters, kommt gerade von der Probe. Eigentlich total erledigt, weil er mal wieder alles gegeben hat. Bevor es in drei Stunden weitergeht, will er sich noch hinlegen, auf eine Matte irgendwo im Theater. Dazwischen ein Interview. Doch auch hier kann er nicht anders. Bei dem 36-Jährigen gibt’s keine einsilbigen Antworten – die Müdigkeit scheint völlig verflogen. So muss es wohl sein, wenn er auf der Bühne steht: „Gestern dachte ich nach der Probe: Irgendwas hab ich mir geprellt. Während des Spielens merk’ ich das nicht. Das ist wie nach einem Boxkampf. Am Ende steht man in Runde 12 und denkt sich: Noch ein Schlag und du liegst am Boden. Doch es geht trotzdem immer noch weiter, es geht immer noch weiter.“

Weiter, immer weiter – klingt nach „Peer Gynt“, Ibsens Antihelden, der immer höher hinaus will und am Ende gar nichts hat. Lacher spielt ihn derzeit im Residenztheater. Den ewig Hadernden, der nie zufrieden ist. Kennt er dieses Gefühl? „Ja, immer. Das ist ein ständiges Thema bei mir. Welche Rolle ist am besten für mich? Soll ich den und den Film machen? Auch privat. Was ist das Beste für mein Kind?“, die Fragen sprudeln nur so aus ihm heraus. „Der Trollkönig sagt irgendwann im Stück: ,Du musst dir selbst genügen.‘ Das ist, finde ich, ein ganz wichtiger Spruch.“ Lacher hält inne, überlegt. „Peer Gynt kommt in so einen komischen Größenwahn rein. Bei mir ist es kein Größenwahn, aber auch ich kenne dieses Gefühl, nie zufrieden zu sein – dass es nie genügt.“

Fluch und Segen zugleich, denn das Gefühl des Nicht-Genügens macht ihn zum Perfektionisten. Während der Proben- und Aufführungsmonate trinkt er keinen Alkohol, „nicht einen Schluck“, raucht keine Zigarette. Immer ist er schon zweieinhalb Stunden vor Vorstellungsbeginn im Haus. Den Text hat er den Sommer über gelernt, lange vor der ersten Probenphase. Jeden Abend hat er den Anspruch, das Beste aus sich herauszuholen. Für die Zuschauer ein Segen.

Doch dieser Perfektionismus strengt an. Verflucht. „Das ist eine Sucht. Wenn einmal der Motor läuft, dann ist es schwer, danach wieder runterzukommen. Eine halbe Stunde nach der Aufführung ist meine Stimme noch wahnsinnig laut. Ich gehe dann an die frische Luft, schwimmen, in die Sauna. Vor der Premiere fahre ich immer zwei Stunden lang Fahrrad an der Isar – zwei Stunden Luft holen.“

Diesen Drang, Schauspieler zu sein, ganz und gar, den hat er schon früh gehabt. Fast wäre er deshalb nicht zum Abitur zugelassen worden. Weil er, statt in die Schule zu gehen, lieber Theater gespielt hat. Wenn’s mit dem Abitur – der Zugangsvoraussetzung für ein Schauspielstudium – nicht geklappt hätte, wäre er Koch geworden. Oder auf dem Bau geblieben. Da hat er eine Weile gejobbt. Und manchmal, wenn ihm doch alles zu viel zu werden scheint, denkt er sich: „Wenn es nicht läuft, dann höre ich mit allem auf und dann geh’ ich auf den Bau. Arbeit mit den Händen. Keen blödes Gequatsche über Kunst“, sagt der gebürtige Berliner und lacht.

Natürlich weiß er, dass der Bau keine Option ist. Weil er es in Wahrheit doch braucht, auf einer Bühne zu stehen und sich ganz auszuliefern. Dennoch: Ab und zu schaut er, der Hadernde, voll Neid auf ehemalige Schulkameraden, die angekommen zu sein scheinen: „Die haben so eine innere Ruhe. Die haben ihre drei Wochen Urlaub im Jahr, einen Job, reparieren Kühlschränke oder so, und es ist alles gut. Sie haben ihre Autos, ihre Wohnungen – und ganz normale Probleme, ob sie abends bowlen gehen oder nicht. Manchmal sehe ich das voll Neid und denke mir: Wie cool! Es wäre so einfach.“

Dann stellt er sich vor, wie er mit seinen Kumpels in seiner Datsche am Grill säße. Drei, vier Wochen lang, Abend für Abend, „ich würde ein bisschen dicker werden und wäre zufrieden – bis ich den totalen Rappel bekäme“. Weil er zurück auf die Bühne müsste. „Denn das muss doch gehört werden, was so ein Hamlet, ein Peer Gynt oder ein Raskolnikoff zu sagen haben. Das muss irgendwie raus, sonst platz’ ich.“

Premiere

von „Peer Gynt“ ist heute um 19.30 Uhr im Münchner Residenztheater. Restkarten an der Abendkasse.

Katja Kraft

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