Show, Schuld und Schicksal

- Es darf gelacht werden. Heute. Als aber "Trauer muss Elektra tragen", diese US-Adaption der "Orestie" des Aischylos, vor 75 Jahren uraufgeführt wurde, war das ein gewaltiger Affront gegen die amerikanische, gutbürgerliche, puritanische Oberschicht. Die Götter der Antike haben abgedankt. Eine Entsühnung der Gatten-, Mutter- und Selbstmörder findet nicht mehr statt.

Das unausweichliche Verhängnis der nach außen hin so intakten Familie liegt in ihr selbst, in ihren sexuellen Begierden und Neurosen, in den inzestuösen Beziehungen. Diese Menschen sind Gefangene und Opfer ihrer Libido. Sie sind sich selbst Schicksal. Ihr Gott hieße Sigmund Freud, wenn es ihn denn zu der Zeit, in der die Tragödie spielt, schon gegeben hätte. Für den Autor Eugene O’Neill (1888 - 1953) aber war der Wiener Psychoanalytiker so etwas wie eine Offenbarung.

Im Jahr 2006 hat die Schlagkraft O’Neills, die Unerhörtheit seiner Geschichte an Bedeutung verloren. Alles bereits bekannt. Derartige familiäre Ludereien sind längst trivialisiert -durch Kintopp und TV -und täglich nachzulesen in den bunten Blättern dieser Welt. Nun aber hat Stefan Pucher "Trauer muss Elektra tragen" an den Münchner Kammerspielen inszeniert. Und er tat das vermutlich einzig Richtige mit diesem Schinken: Er kürzte die ausufernde Trilogie herunter auf die Tragödie der Lavinia/ Elektra. Damit gelang es ihm, dieses Stück an unsere Zeit zu binden, ohne der Versuchung nach vereinfachender Aktualisierung zu erliegen.

Hollywood lässt grüßen

Aus heutiger Sicht dürfte der Blick der jungen auf die arrivierte Eltern-Generation ziemlich ernüchternd sein. So sind bei Pucher denn auch Mutter Christine, Vater Ezra, Liebhaber Brant zu reinsten Soap-Figuren ironisiert. Das Leben ist zur Show verkommen. Hollywood lässt grüßen. Zugegeben, damit verweigert der Regisseur ihnen jegliche schicksalstragische Verstricktheit und nimmt dem Stück eine gewichtige Dimension: die alles determinierende Leidenschaft der Figuren. Aber er gewinnt durch die Banalisierung der Gefühle Aktualität. Und Komik dazu. Denn die abgewirtschafteten Helden sind in ihren Posen lachhaft. Sie taugen nur noch zur Parodie. Michaela Steiger als Christine und vor allem Stephan Bissmeier in seiner Doppelrolle sind wie von der Hochglanz- Traumfabrik entliehene Kitsch-Ikonen. So lässt Pucher überhaupt seine Inszenierung beginnen.

Der erzählende Chor: zwei abgetakelte Revue-Cowboys mit Blinklämpchen am Kostüm. Und Lavinia, die Tochter des Hauses, zeigt sich in der Biestigkeit einer Luxusschlampe im Zickenkrieg ihrer Mutter und Rivalin als ebenbürtig. Doch im Verlauf der Aufführung befreit sie sich aus dem Amerika-Klischee. Und spätestens wenn ihr Bruder Orin/ Orest auftritt -Oliver Mallison kommt kaum zur Geltung in der vom Regisseur vernachlässigten Rolle –, ist sie angekommen in der Tragödie. Jetzt erfährt Lavinia psychologische Tiefe, wird ihre Seelennot greifbar. Und wenn sie am Ende des Stücks zur Rockgitarre greift, ihre Verzweiflung herausdröhnt und ihren todtraurigen Schlussmonolog hält, während auf der rückwärtigen Leinwand der Schriftzug "Elektra" zerbröselt und darauf die Schatten unzähliger Fliegen/ Erinnyen erkennbar werden, dann ist das von ergreifender Substanz. Katharina Schubert -endlich in einer ihrem Können angemessenenen Rolle -ist als Lavinia von beeindruckender Präsenz. Sie gibt der Figur die Arroganz ihrer bösen Größe, die Pein ihrer seelischen Verzweiflung, die Demut gegenüber Schuld und Schicksal.

"Was ist denn mit unserer Familiensaga, was ist mit Mutter, Vater, Kind?" -dieser letzte, selbst erdachte und ziemlich private Aufschrei ist der Schlüssel zu Puchers Inszenierung. Dass das nicht peinlich, sondern verstanden wird, ist seiner hervorragenden Protagonistin zu danken. Und seinem eigenen, klugen Umgang mit dem Werk. Der Einsatz von Videos, die Überschneidung von Szenen, die Einblendung der Verfilmung des Stücks von 1947 durch Dudley Nichols -das alles hat Charme, Logik und Witz. Passend dazu: die opulenten Kostüme. Und die Symbolik des Bühnenbildes -die Spinne im Netz -ist erträglich. Verzichtbar die Gesangseinlagen und die Raucherei. Viel Beifall für den zweistündigen Premierenabend, für einen guten Auftakt der Saison.

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