Ein Shylock macht noch keinen Shakespeare

- "Verflucht mein Stamm, wenn ich ihm je vergebe." Langes Schweigen nach diesem Satz. Aus dem bedächtigen, vorsichtigen Businessman in dunkelblauem Tuch wird langsam, unmerklich fast das Muster eines Juden: Shylock, aus heftigster innerer Bewegung leise wippend, sich vor und zurück neigend, in sich kreisend, selbst das Klischee nicht scheuend.

Antonio, der von ihm Geld leihen will, gerät in Verlegenheit, hüstelt, lächelt und zeigt ihm schließlich am Ende des Dialogs, dass das Geschäftliche nichts an seiner Verachtung für den Juden ändert: Er spuckt ihm ins Gesicht.

Da fällt Shylock vor ihm auf die Knie, beginnt, mit seiner Hand den Boden zu wischen. Und es wird klar: Dieser Moment gebiert in ihm die Idee von dem Pfund Fleisch, das er aus der Nähe des Herzens Antonios schneiden will, sollte der seinen Schuldschein nicht fristgemäß einlösen können.

Eine große, berührende Szene in dieser Inszenierung von Shakespeares "Kaufmann von Venedig", die jetzt in der klassischen Übersetzung August Wilhelm Schlegels am Deutschen Theater in Berlin Premiere hatte. Gespielt wird sie von Ulrich Matthes, der der Shylock ist, und Stefan Hunstein, der den Antonio, die Titelfigur, darstellt.

Dann gibt es noch einen zweiten so bemerkenswerten wie erhellenden Moment in dieser Aufführung. Er ist ebenfalls dem großartigen Ulrich Matthes zu verdanken. Wenn Shylock - jetzt in Mantel, Hut und Kippa darunter erkennbar als Jude gekleidet - vor Gericht unterliegt, er nicht dem Antonio aus der Nähe des Herzens das Fleisch schneiden darf, wenn ihm all sein Besitz kassiert und er selbst zum Christentum verurteilt wird: Dann sitzt er auf seinem Aktenköfferchen, wartend auf ein unbestimmtes Schicksal . . .

Albern wie eine RTL-Show

Auch dies ein starker Augenblick der Assoziationen, die Ulrich Matthes durch die Wahrhaftigkeit seines intelligenten Schauspielertums beglaubigt. Mit ihm und mit dem vom Münchner Residenztheater ausgeliehenen Stefan Hunstein sind zwei Darsteller auf der Bühne, die als einzige eine Art Shakespeare-Legitimation erkennen lassen; wenngleich Hunstein hier immer ein bisschen dasteht wie bestellt und nicht abgeholt.

Denn die Regisseurin, die in München doch einen guten "Gothland" inszeniert hat und in dieser Saison sich am Residenztheater noch an den "Baumeister Solness" wagen wird, ehe sie in der nächsten Spielzeit fest zu Dorns Haus gehören soll - sie ist in Berlin fatal gescheitert: an Shakespeare; an Antonio und seinen Freunden, die sie wie Ganoven mit fetter Zigarre stolzieren lässt. Gescheitert an der Beziehung Antonios zu Bassanio, die hier viel zu eindeutig als eine homosexuelle gezeigt wird.

Und sie ist gescheitert an Porzia, der reichen Schönen, um die Bassanio wirbt. Platter lassen sich die Porzia-Szenen und das Erraten des Glückskästchens kaum denken, als Tina Lanik sie hier à la RTL-Game-Show inszeniert hat. Das ist so unendlich langweilig, das ist so anspruchslos und schlecht gespielt. Man wundert sich, dass so eine Aufführung im neuerdings hochgejubelten Deutschen Theater Berlin möglich ist.

Am Schluss empfing die junge Regisseurin ein vitales Buh-Konzert. Fazit: Ein Shylock macht noch keinen Shakespeare.

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