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Im Buch eins nach „GRM“ befragt Sibylle Berg Wissenschaftler, die keinen Tellerrand kennen.

Sibylle Berg und „Nerds retten die Welt“: Mannschaftsspiele

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Nicht nur um Männermachtfantasien geht es hier, sondern ums große Ganze: Sibylle Bergs spitzfindiger, angreifbarer, erstaunlicher Interviewband „Nerds retten die Welt“.

Das ist natürlich dumm. Da steht man an der Spitze der Machtpyramide, dennoch läuft die Sache nicht rund und unangefochten. Weil es eben andere gibt, auch mit einem Y-Chromosom und einem in verschiedenen Größen ausgeprägten Etwas zwischen den Beinen. Nicht der Mensch, nein, der Mann ist des Mannes Wolf. „Für Männer sind andere Männer die wirkliche Bedrohung, nicht Frauen.“ Sagt Valerie M. Hudson, Professorin für Internationale Angelegenheiten in College Station/Texas.

Eine Folge männlicher Angst sei die Zusammenrottung, der Männerbund. Und Hudson hat ja Recht, man denke nur an den jüngsten Testosteron-Überschuss deutscher Ministerpräsidenten oder an Zusammenrottungen wie den „Andenpakt“ der CDU. Wenn Männer also die Welt gefährden – wer bewahrt den Planeten vor dem Crash? Nerds, sagt Schriftstellerin Sibylle Berg.

Ihr Buch eins nach der herrlich kulturpessimistischen Roman-Salve „GRM – Brainfuck“ ist eine Interviewsammlung. Alle Gespräche in „Nerds retten die Welt“ waren schon im Schweizer Online-Magazin „Republik“ zu lesen und dienten als Ideenspender für „GRM“. Wobei Berg unter Nerds nicht bebrillte Besserwisser mit defekten Sozialkontakten versteht, hier antworten gestandene Wissenschaftler. Und das auf kluge, nachdenkliche, hintergründige bis ironische Art.

Migration, Medientheorie und ein Klitoris-Modell

Kommt eben immer darauf an, wer fragt: „Haben Sie sich heute schon um den Zustand der Welt gesorgt?“ – das ist Sibylle Bergs Startschuss. Und dann geht es nicht nur um Männermachtfantasien, sondern auch um Rechtsextremismus, Cannabis-Legalisierung, schwarze Löcher, Migration, Medientheorie oder, bitte nicht erschrecken, um ein dreidimensionales Klitoris-Modell.

All diesen Nerds ist gemeinsam: Ihre Analysen kreisen nicht um streng abgezirkelte Lebens- und Forschungsbereiche, diese Wissenschaftler kennen keinen Tellerrand. Um Weltverbesserung geht es, dies aber frei von politischen Eitelkeiten oder Rücksichtnahmen auf ideologische Vorbehalte und Erfordernisse. Gerade das macht die Antworten so plausibel.

Bei der Lektüre kommt man aus dem Dauernicken nicht mehr heraus: wenn zum Beispiel der Soziologe Wilhelm Heitmeyer mit Blick auf die neoliberale Wohnungsbaupolitik die Aushebelung des Grundsatzes „Eigentum verpflichtet“ beklagt. Wenn Meeresökologe Carl Safina radikale Konsequenzen aus dem Artensterben fordert, unter anderem bei der Tierhaltung. Wenn Politologin Emilia Zenzile Roig die Ursache von Menschenhass in der Welteinteilung in „überlegener weißer Rasse und den Rest“ vermutet. Oder wenn Männlichkeitsforscher Rolf Pohl über den Irrglauben Europas sinniert, es sei der Nabel der Welt und daher besser als alle anderen.

Streifzug durch die Welt Y-Chromosoms

Zugegeben: Durch manche Antworten muss man sich ein wenig kämpfen. An den Fachbegriffen liegt das und daran, dass die perfekt vorbereitete Sibylle Berg mit ihren Interviewpartnern auf einer Expertenwolke davonzuschweben droht. Doch das kommt nicht häufig vor. Bemerkenswert ist das Gespräch mit der Historikerin Hedwig Richter. Hier trifft der zynische bis amüsante, manchmal auch posierende Pessimismus der Schriftstellerin auf eine Wissenschaftlerin, die der linksliberalen Weltverzweiflung einiges entgegenhält: „Es ist manchmal schon erstaunlich, was die Menschen hinkriegen in ihrem kläglichen Dasein“, sagt Hedwig Richter. Etwa eine Eisenbahn zu bauen oder dafür zu sorgen, dass „die deutsche Wiedervereinigung ganz okay ablief“. Die Expertin geht sogar einen Schritt weiter: Ob manche mit ihrem Hang zum Pessimismus nicht sogar rechtsextreme Tendenzen bestärken würden?

Dass die entscheidende Dosis Testosteron und besagtes Y-Chromosom für vieles Unheil verantwortlich ist, dies zieht sich wie ein roter Faden durch „Nerds retten die Welt“. Bestätigt wird das von Forschern beiderlei Geschlechts – und, leicht feststellbar, durch die aktuelle Lage. Trotz der schwerstgewichtigen Themen ist Sibylle Bergs Buch ein erstaunlich gut lesbarer, letztlich optimistischer Weltstreifzug – der, obwohl weit vor Corona unternommen, vieles von heute widerspiegelt. Manches lässt sich anfechten und provoziert zur Widerrede, das macht es nur reizvoller. Und über anderes wie die Frage von Valerie M. Hudson lässt sich lange grübeln: „Wären Frauen doppelt so stark wie der Durchschnittsmann, würden sie die Männer unterordnen?“

Sibylle Berg:
„Nerds retten die Welt“. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 336 Seiten; 22 Euro.

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