Sich durchgraben bis zum Boden der Seele

München - Jetzt wird es ernst, jetzt beginnt das wirkliche Leben. An den beiden großen Schauspielschulen Münchens, Otto Falckenberg und Bayerische Theaterakademie, hat für die Studenten des Studienjahrs 2007/08 das Intendanten-Vorsprechen begonnen. Die Haut wird zu Markte getragen - mit allen Hoffnungen, viel Talent und großem Vergnügen.

Das ist die Stunde der Intendanten, der Besetzungschefs, der Agenten, der Casting-Leute. Sie alle, von Bochum bis Ingolstadt, reisen an, wenn die Chefs der Schauspielausbildung, Jochen Noch (Falckenbergschule) und Jochen Schölch (Akademie), rufen. Insgesamt sind es 23 junge Darsteller, die 2008 die Bühnen der Republik stürmen oder die Kameras erobern wollen. Sie alle drängen ins Licht der Öffentlichkeit, brauchen Publikum, möchten gesehen werden. Dass sie in diesem Bericht von der ersten Vorsprechrunde nicht alle abgebildet werden können, liegt auf der Hand. Dass die Fotos aber nur Absolventen der Theaterakademie zeigen, liegt an der Leitung der Falckenbergschule, die uns beschied: Fotografieren unerwünscht.

 Was aber bekamen die Menschen-"Fischer" zu sehen? In beiden Fällen ein in seinem Aufbau ähnliches Programm. Monologe, Duo-Szenen und Gesang. Viel Modernes. Die Klassik nur in reduzierter Form und unter Verzicht auf die große Geste in Sprache und Gefühl. Dafür immer wieder Witz und Selbstironie, wenn bestimmte Textstellen auf das berufliche Selbstverständnis der angehenden Schauspieler zielen.

"Musstes du ihn auf mich laden, diesen furchtbaren Beruf?", fragt zum Beispiel Katharina Hauter von der Akademie in ihrem Monolog der "Jungfrau von Orleans". Und man merkt wohl, dass die Umsetzung der Schillerschen Verse hier nicht als Hauptfach unterrichtet wird, wenngleich man der jungen Absolventin diese klassische Heldin durchaus zutrauen würde.

"Wieviele Mädchen werden gebraucht?" Das fragt an der Falckenbergschule Mélanie Wittenborg in ihrem Monolog aus "A Chorus Line". Ein Text, der anspielt auf die vertrackte Situation, dass im Schauspielberuf mehr Männer als Frauen gefragt sind. Was dieser erste Vorsprech-Tag mit entsprechenden Anfragen und Angeboten auch gleich bestätigte.

Aber wer auf die Bühne geht, braucht Mut und Selbstvertrauen. Und so darf Mélanie Wittenborg auch aus voller Überzeugung sagen: "Mir gehört die Welt... Ich bin eine Rarität." Und: "Ich hab' sehr hart an mir gearbeitet, mich bis zum Boden meiner Seele durchgegraben, um zu wissen, wer ich bin." Das gilt für alle. Ob sie sich nun in der Falckenbergschule an Kleists "Hermannsschlacht" wagen - wirklich komisch: Nora Buzalka und Lukas Turtur - oder an die Traumszene aus dem "Käthchen von Heilbronn", die Demet Gül und Philipp Grimm aufs Normalmaß zeitgenössischer Texte herunterspielen. Oder Mark-Alexander Solf, der ganz bei sich und mit tiefer Innigkeit sowohl als Büchners Leonce als auch als Goethes Werther spüren lässt, was es heißt, sich bis zum Boden seiner Seele durchzugraben.

"Man muss das alles einmal ausprobiert haben". Und: "In meinem Körper sind die Extras schon eingebaut." Mit so lakonischem Text - es handelt sich um Elfriede Jelineks "Raststätte" - eröffnen Katharina Hauter und Annika Ullmann das Vorsprechen der jungen Theaterakedemiker. Zunächst haben sie, wie es das Stück verlangt, ihr Gesicht hinter Tiermasken verschanzt. Aber Schauspielerei ist kein Versteckspielen. Und so entfernen sie die Tarnkappen schnell, lassen sich ins "blanke" Gesicht blicken, das auf der Bühne zum Spiegel von Kopf und Herz wird. Dass aber das Gesicht selbst nicht zur Maske gerät, hinter der sich der Schauspieler verbirgt und so nur angelernte Stadttheater-Standards abliefert, dafür haben verantwortlich die Lehrer zu sorgen. Sowie für den Mut der jungen Leute zu sich selbst. Was sie kaum beeinflussen können, ist dieser innere Reichtum eines Schauspielers.

Damit überwältigen an der Theaterakademie vor allem zwei Absolventen. Das ist zum einen Franziska Beyer. Von wunderbarer Komik und Sprachgenauigkeit in Botho Strauß' "Sieben Türen". Von bezwingender Festigkeit und, ja, tragischer Größe als Andromaché in Walter Jens' "Untergang". Zum anderen ist es Tristan Seith, der in seiner Körperfülle so gar nicht passen will in das Bild vom jungen Schauspieler. Aber warum müssen die Hamlets dieser Welt immer schlank und schön sein? Dieser Tristan Seith ist fabelhaft in seinem berührenden "Hausmeister"-Monolog. Und doch hätte man gern gesehen, was bei ihm ein Prinz von Homburg gewinnen könnte.

Weitere Termine:

Das Vorsprechen der Theaterakademie ist öffentlich; heute 11 Uhr, morgen 19 Uhr, Freitag 11 Uhr.

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