Er hat sich die Freiheit genommen

- Ein Wilderer geht zum Beichten. Aber im Beichtstuhl sitzt nur der "Kooparater". "Woaßt du, wer des is?", fragt die Stimme mit diesem Timbre des flirrend Zittrigen - nicht schwach, sondern zittrig wie eine Stahlsaite. Und sie erklärt: "Des is a junger Kaplan." Der weiß nun gar nicht, was er dem Schützen als Buße aufbrummen soll und saust mitten in der Beichte schnell zum Chef. "Herr Pfarrer, was geben Sie einem Wilderer?" "2,80 fürs Pfund", ist die lakonische Antwort.

<P class=MsoNormal>Der Kraudn Sepp hat nicht nur im Wirtshaus gesungen und sich auf seiner Zither begleitet, sondern er hat auch erzählt und erklärt. Als Alter war der Isarwinkler Bauer und Musikant ein lebender Historienfundus einer Zeit ohne Traktor und Kunstdünger, aber mit viel Not und staatlicher Willkür geworden. Josef Bauer, der mit seiner tüchtigen Anna den kleinen Hof "Zum Kraudn" in Gaißach bei Bad Tölz bewirtschaftet hatte, hat nicht groß politisiert. Er hat sich einfach die Freiheit genommen. Diese Freiheit hieß Musik. </P><P class=MsoNormal>Der Münchner Trikont Verlag, der in der Pflege von kostbaren Klang-Archivalien Wunderbares leistet, hat auch mit "Kraudn Sepp - Sonntag" wieder hervorragend gearbeitet. Hinreißend sind die bisher fast alle nicht auf Platten verewigten Lieder vom Kraudn Sepp - hauptsächlich solo, aber auch im Duett etwa ein genüsslicher Liebes-Streit oder zu dritt; und so informativ wie liebevoll ist der Text von Franz Dobler im beiliegenden Heftchen geschrieben. Er schildert Leben und Werdegang des Bauern-Musikanten und analysiert, warum der Kraudn Sepp zu einer legendären Größe der bayerischen Musik geworden ist. Es ist die Freiheit. Jahrzehntelang war Josef Bauer Bestandteil des Gaißacher Sänger- und Zitherquartetts (1924-'64). In der zweiten "Karriere" machte er endlich ganz allein das, was er wollte: eine Volksmusik, die nicht g'schleckt ist wie ein restauriertes Museumsexponat unterm Glassturz, die nicht andachts-seufzt oder von der Liab tremoliert, die schon gar nicht humtata-volkstümelt. Das ist eine Musik, die mitten im Leben steht. Da ist Sex Sex, und der Pfannenflicker der Nothelfer darbender Weiblichkeit. Da sind die Jager feig - noch 1969 wurde ein Auto beschossen und dabei ein Baby getötet - und raffgierig, und man ruft schon auch zur Gewalt auf. Da gibt's Erfahrungen aus dem Gefängnis und dem Schützengraben - mit Ratten, Flöhen und Hungerfraß. Auch wenn Josef Bauer stolz war, dass der Kiem Pauli ihn geschätzt hat, dessen Dogma von der heilen, Weihwasser-reinen Volksmusik ist er nicht gefolgt. </P><P class=MsoNormal>Das wirkt nach wie vor wie eine Wohltat auf den Zuhörer. Vor 30 Jahren aber war es für viele junge Musiker eine Initialzündung. Künstler wie die Biermöslblosn-Wells fanden einen Bezugspunkt in der Tradition für einen vitalen Auftritt in der Gegenwart. Der Kraudn Sepp mit seiner hageren Gebirglerfigur, dem schneidigen, nie perfekt gestutzten Schnauzer und dem Trachtenhut ohne Gamsbart-Protzerei hat weder zu den Stiergnack-, noch zu den Parade-Bayern gehört: So sind auch seine Lieder. Wenn er Bayern in Fred Rauchs "Es muss ein Sonntag gwesen sein" sein Herz zu Füßen legt, dann ist das nicht mehr sentimental. Das ist echt. </P>

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