Sich nicht verbiegen lassen

- Wie sieht die Zukunft der Münchner Philharmoniker aus? Es gibt berechtigte Sorge um sie. Nicht nur, weil immer wieder unterschwellig Skepsis formuliert wird, ob der zukünftige Generalmusikdirektor Christian Thielemann sein Amt in München 2004 auch wirklich antreten werde. Sondern auch hinsichtlich der katastrophalen finanziellen Lage der Stadt, die wie alle anderen Institute auch das städtische Vorzeigeorchester zu spüren bekommt.

<P>Die überraschende Kündigung des Philharmoniker-Intendanten Bernd Gellermann (wir berichteten), zeigt einerseits wie verfahren die Sache ist, und bietet andererseits vielleicht eine Chance, die derzeitige Kriegsebene zwischen Kulturreferat und Philharmoniker-Leitung zugunsten des Orchesters zu befrieden. In einem Gespräch mit unserer Zeitung erläutert Bernd Gellermann (61) seine Entscheidung, sein Amt als Künstlerischer Leiter mit dem Vertragsende von James Levine, dem derzeitigen Chefdirigenten, nieder zu legen.</P><P> </P><P>Was sind die Gründe, die zu Ihrer Kündigung geführt haben?<BR><BR>Gellermann: Die Sicht auf eine Gesamtentwicklung, auf die Zukunft, die geprägt sein wird von der Konsolidierung des Haushalts, zu der wir beizutragen haben, und der Notwendigkeit, auch noch die Tarifsteigerungen selbst zu erbringen. Dazu kommt die Finanzierung dessen, was Bestandteil des Vertrages von Christian Thielemann ist: nicht nur die Garantie der Orchesterstärke von 120 Musikern, sondern auch die Einhaltung des Künstler-Etats. Dieses ganze Zusammenspiel von finanziellen Anforderungen muss Rückwirkungen haben auf die Möglichkeiten der künstlerischen Realisierung.<BR><BR>Die Maßnahmen der Konsolidierung treffen in der Stadt nicht allein die Philharmoniker . . <BR><BR>Gellermann: Die Ausgestaltung des Konsolidierungsverlaufs liegt in Händen der Referatsleitung. Wir wurden im Vergleich zu den anderen Instituten am stärksten damit bedacht.<BR><BR>Warum?<BR><BR>Gellermann: Je mehr und je schärfer ich meine Stimme dagegen erhoben habe, je mehr ich gewarnt habe vor künstlerischen Einbußen, umso mehr wurden wir bestraft. Ich denke aber, dass ein Künstlerischer Intendant auch in diesen Fragen eine Art unabhängige Position einnehmen, dass er das Ansinnen, das aus dem politischen Raum kommt, bewerten muss. Wenn er meint, dass durch die Maßnahmen von Seiten der Stadt die Perspektive des Orchesters gefährdet sei, muss er das sagen dürfen. Wenn das nicht möglich ist, wird er zum willfährigen Instrument des Kulturreferats. Ich glaube nicht, dass das die Aufgabe des Intendanten ist, und habe daraus jetzt meine persönlichen Konsequenzen gezogen.<BR>Denn wenn die Arbeit eines Künstlerischen Leiters nur daraus besteht, die abnehmenden Mittel zu verteilen, dann können das auch die Mitarbeiter auf der Verwaltungsebene leisten.<BR><BR>Worin sehen Sie die Aufgabe eines Künstlerischen Intendanten?<BR><BR>Gellermann: Einem Orchester ein gutes Profil zu geben. Was aber bei der dramatischen Reduzierung der Mittel nicht weiter möglich erscheint. Der Konsolidierungsbeitrag der Münchner Philharmoniker erstreckt sich auf den Zeitraum von 2002 bis 2006. Was dann an Einsparungen 2006 erreicht sein muss, wird der Stand für die folgenden Jahre bleiben. Die kumulierte Summe: über sieben Millionen Euro. Das ist eine gigantische Zahl. Dazu kommen dann noch die Tarifsteigerungen.<BR><BR>In diesem Jahr sind das 750 000 Euro. Der Stadtrat hat sich doch aber schon für den Eckdatenbeschluss zum Haushalt 2004 dazu durchgerungen, dass er 300 000 Euro dafür locker machen wird.<BR><BR>Gellermann: Aber 2005 steht bereits die nächste Tarifrunde an. Dazu kommt noch das Kunststück, den Künstler-Etat nicht weiter absinken zu lassen, weil das Thielemann vertraglich garantiert wurde. Damit er also nicht unterschritten wird, muss man ihn speisen aus anderen Bereichen.<BR><BR>Es ist ja nicht so, als würden sich die Philharmoniker dem Spardiktat grundsätzlich verschließen . . .<BR><BR>Gellermann: Wir mussten die Kammerkonzerte und die Kinderkammerkonzerte einstellen. Außerdem gab's eine Preiserhöhung von zehn Prozent. Zur denkbar ungünstigsten Zeit. Die Menschen überlegen sich heute, ob sie ein Abo kaufen oder nicht.<BR><BR>Da laufen verschiedene Linien zu einem Schnittpunkt zusammen. Der Schluss, den ich daraus zog, war: Wenn ich das Ziel, das sehr, sehr hohe Qualitätsniveau des Orchesters und sein breites Programm nicht wahren kann und wenn meine warnenden Worte nicht gehört werden, muss ich gehen. Ich hätte mich sonst zu sehr verbiegen müssen. Es soll mir doch niemand sagen, dass kein Geld da ist. Es ist eine Frage der politischen Prioritätensetzung.<BR><BR>Es heißt, dass Sie und die Kulturreferentin Lydia Hartl miteinander auf Kriegsfuß stehen. Glauben Sie, dass das bei der finanziellen Beschneidung der Philharmoniker eine Rolle gespielt hat?<BR><BR>Gellermann: Ich habe keine Anzeichen dafür, dass es aus persönlichen Gründen geschehen ist. Aber ich kann es auch nicht ausschließen.<BR><BR>Es ist auch bekannt, dass Christian Thielemann Kompetenzen in Anspruch nehmen wird, die bislang Ihnen zufielen - wie etwa Programmgestaltung und Engagements. Spielte das eine Rolle bei Ihrem <BR>Entschluss zu kündigen?<BR><BR>Gellermann: Es ist richtig, es wird eine Änderung im Aufgabenbereich geben, anders als es jetzt bei Levine ist. Das beschneidet zu einem guten Stück meine bisherigen Kompetenzen. Zukünftig hätte ich zu erwarten, dass in meine Entscheidungen eingegriffen wird, anders als es in meinem Vertrag verankert ist.<BR><BR>War es nicht Ihr Verdienst, dass Thielemann hier überhaupt erst einmal als Levine-Nachfolger in Betracht gezogen wurde?<BR><BR>Gellermann: Thielemann war der Wunsch des Orchesters. Ich habe mich hinter das Orchester gestellt.<BR><BR>Wird es wohl nach Ihnen wieder einen Künstlerischen Intendanten geben?<BR><BR>Gellermann: Ich kann das nur empfehlen. Es wird nicht leicht sein, jemanden zu finden, der sich zum GMD zuordnen lässt. Denn: Wie viele Konzerte der Orchesterchef auch in der Saison leitet - wenn Thielemann hier erst richtig eingestiegen ist, werden es sechs mehr sein als in der Ära Levine -, es ist doch immer der geringere Teil einer Spielzeit. Der größere Teil ist mit Gastdirigenten bestückt, was für die Qualität eines Orchesters enorm wichtig ist: dass es unterschiedliche Sichtweisen auf ein und dasselbe Werk interpretieren und vorstellen kann.</P><P>Das Gespräch führte Sabine Dultz</P>

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