Mit sichtlicher Liebe und großem Respekt

- Überraschung. Sie schüttelt einen aus dem Gewohnten, egal ob sie angenehm ist oder unerfreulich. Die Städtische Galerie im Münchner Lenbachhaus. Klopft unsere Sehgewohnheiten gern mal aus - etwa von 1992 an mit heftig bunten Wänden. Die motzten das Heiligtum des Museums auf: seine Sammlung mit Werken des "Blauen Reiter".

Inzwischen hat man die Farben variiert; inzwischen haben viele Galerien teils willkürlich, teils sinnvoll das Verfahren nachgeahmt. Damit der Besucher in München aber nicht wieder in den alten Augentrott verfällt und gar nicht mehr richtig hinschaut, hat sich Museumschef Helmut Friedel wieder etwas Neues einfallen lassen.

Die Dauerschau der Künstlergruppe "Der Blaue Reiter" um Wassily Kandinsky und Franz Marc hatte man schon umgehängt, um spezielle Künstlerräume zu bilden. Nun wurden zusätzlich einige zeitgenössische Kollegen eingeladen, auf vier "Reiter" zu reagieren. Franz Ackermann setzt sich mit Marc auseinander, Thomas Demand mit August Macke, Katharina Grosse mit Alexej Jawlensky und Olafur Eliasson mit Kandinsky. Mitte September sind alle neuen Säle fertig.

Im Augenblick wird heftig gewerkelt, aber der Besucher kann sich zum Beispiel schon von Ackermanns Coup überraschen lassen. Wie die drei anderen widmete im das Lenbachhaus bereits eine Einzelausstellung und besitzt Werke von ihm. Bekannt ist er für seine Wandarbeiten, die in explosionsartig aufgerissenen Farb-Prismen Räume bauen und zugleich zerfetzen. Er hat seine Energien massiv gezügelt und mit sichtlicher Liebe und großem Respekt die Gemälde Marcs gewissermaßen umfangen. Er benutzt lediglich gedeckte Blautöne. Fügt sie wandmalerisch zu Bruckstücken, die von den Kanten in die Wandflächen ragen, ohne die Bilder niederzukartätschen. Das Geborstene, das sich auch in Marcs Arbeiten findet, umzingelt oder umrahmt, je nach Lesart, die berühmten Werke von Tiger, Pferd, Reh: So baut sich eine enorme Spannung auf.

Weitaus irritierender dürfte Demands Idee sein. Er tapeziert mit einer schwarz-weiß-grauen, fahrig dahinwuselnden Tapete - stilisierte Efeublätter - den Raum für Macke; auch hier wird dessen Splitter-System zum Thema. Die Sprüherin Grosse wird Farbe allumfassend, sich ergießend dominieren lassen (Jawlensky), während Eliasson unterschiedliches Tageslicht aus verschiedenen Erdzonen simuliert. So kommt Kandinsky doch noch zu seinem geliebten Moskauer Sonnenuntergang.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Hamlet ist Richter und Henker“
München - Gleich zum Auftakt des Jahres lassen es die Münchner Theater krachen. Wenige Tage nach „Macbeth“ am Residenztheater folgt in den Kammerspielen ein weiterer …
„Hamlet ist Richter und Henker“
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
München - Wer das Wort „fantastisch“ im Namen führt und auszieht, sein Best-of unters Volk zu bringen, der hängt die Messlatte hoch. Die Fantastischen Vier erfüllen den …
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Mit fantastischen Grüßen
Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht

Kommentare