Interview zum neuen Album

Sido: „Antrieb war, Familie da rauszuholen“

München - Er ist ein Tanzbär mit politischem Anspruch: Das neue Album „VI“ des Berliner Rappers Sido erscheint am Freitag. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

Früher trug er Totenkopfmaske, heute ist er verheiratet und lebt mit seiner Familie im Grünen. Rapper Sido, der eigentlich Paul Würdig heißt, macht trotzdem weiter auf seine Weise Musik. Sein neues Album „VI“ (Universal) erscheint heute, am 11. November stellt er es im Münchner Zenith vor. Die Single „Astronaut“ mit Andreas Bourani landete gleich auf Platz eins der Single-Charts. Ein Gespräch über Erfolg und die Angst davor, ihn zu verspielen.

Gerade sind Sie das erste Mal mit einer Single auf Platz eins der Charts. Glückwunsch!

Vielen Dank – Wahnsinn, oder? Ich habe ehrlich gesagt nicht mehr daran geglaubt, das zu erreichen. Ich mache jetzt so lange Musik und hatte schon Hits. „Bilder im Kopf“ beispielsweise hat sich über eine halbe Million mal verkauft, trotzdem kam der Song nur auf Platz fünf. Irgendwie war es mir dann auch gar nicht mehr so wichtig, auf Platz eins zu gelangen. Aber jetzt habe ich tatsächlich alles erreicht. Außer den Echo fürs Lebenswerk. (Lacht.)

Der Text der Single „Astronaut“ klingt nach „Es wird alles zu viel, man möchte verschwinden“. Geht Ihnen das so angesichts der weltweiten Schrecknisse?

Rapper Sido mit unserer Mitarbeiterin Katja Kraft.

Exakt das ist damit gemeint. Griechenland, brennende Asylbewerberheime – man liest das alles und ist als Volk doch von den Entscheidungen der Politiker abhängig. Da kommt leicht das Gefühl auf, nichts tun zu können. Und man wünscht sich, alles mal mit Abstand zu betrachten. Wir wurden auch bestätigt von dem Astronauten Alexander Gerst. Ich folge ihm auf Twitter und habe seine fantastischen Fotos aus dem All gesehen. Diesen Blick von da oben zu haben – alles, was auf der Welt passiert, ist plötzlich egal. Das hat mich zu dem Song inspiriert. Man wird ehrfürchtig.

Was kann man als Künstler tun, um etwas zu ändern?

In erster Linie: auf die Probleme aufmerksam machen. Ich habe keine Lösung. Ich glaube aber, dass jeder schon weiß, was er anders machen sollte. Jeder weiß doch, was gut ist und was nicht. Wenn man da einfach mal ansetzt und sich beispielsweise überlegt, ob man gewisse Dinge braucht oder ob man für das Gemeinwohl auch auf etwas verzichten kann. Dafür möchte ich sensibilisieren.

Und auf was verzichten Sie persönlich?

Ich mülle mich nicht zu mit unsinnigem Kram. Man muss nicht 100 Hosen haben. Die Werbung macht das geschickt: Sie suggeriert uns, dass wir gewisse Dinge brauchen. Und dann die vielen Billig-Klamotten. Je teurer die Kleidung, desto eher wurde sie in Italien hergestellt und nicht von Kindern irgendwo in Bangladesch.

Sie kennen beide Welten, Armut und nun ein gesichertes Leben. Wo liegt Ihre Heimat?

Ich fühle mich zu Hause, wo meine Familie ist. Wir haben jetzt ein schönes Haus, wir sind gefestigt, und ich bin sehr froh, wenn ich nach Hause komme. Aber wenn wir alle in Timbuktu wohnen würden, dann wäre ich eben dort daheim. Heimat ist nicht ortsabhängig.

Haben Sie manchmal Angst davor, wieder in das alte Leben zurückzufallen?

Ja, das ist meine größte Angst. Ich möchte nie wieder zurück ins Viertel, unter keinen Umständen. Das ist der Grund, warum ich so ein zielstrebiger Mensch bin. Warum ich immer pünktlich und zuverlässig bin. Ich arbeite fleißig, stehe morgens früh auf, gehe früh schlafen. Da bin ich weit weg von vielen anderen Künstlern. Ich kenne viele, die in den Tag hinein leben. Ich bin viel fokussierter, sehr diszipliniert.

Waren Sie das immer?

Was die Musik angeht, ja. Weil ich wusste: Das kann ich, das wird was. Mein Antrieb war, meine Familie da rauszuholen. Ich hatte immer den Gedanken: „Ich ernähre alle, ich schaff’ das.“

Das klingt nach enormem Druck...

Ja, aber ohne den Druck schaffst du’s nicht. Ohne dass du Niederlagen wegsteckst und dich davon nicht entmutigen lässt. Nur wenn du das wirklich als Antrieb nimmst, kann aus dir was werden.

Ihr Publikum wird immer größer – erhöht das auch den Erfolgsdruck?

Nein. Ich muss ehrlich sagen: Ich weiß, was ich kann. Ich weiß, ich kann ein gutes Album machen. Ich weiß, was schlecht ist und was ich gar nicht erst anfangen muss.

Was ist schlecht?

Für dieses Album wären zum Beispiel lustige Lieder unpassend gewesen. Mein Anspruch ist: Hip Hop auf ein anderes Level heben, ihn etwas ernsthafter zu machen. Ich kann mich nicht mit den heute Zwanzigjährigen identifizieren. Das wäre albern. Man muss sich auch austoben, klar. Zu mir und zu dem, was ich von mir erwarte, passt das aber heute nicht mehr.

Was ist Ihnen heute wichtig?

Mein Hauptaugenmerk liegt natürlich darauf zu unterhalten. Wir Musiker sind die Tanzbären der Nation. Und wenn ich schon diese Aufmerksamkeit genieße, dann scheue ich auch nicht vor politischen Äußerungen zurück. Diesen Anspruch habe ich.

Das Gespräch führte Katja Kraft.

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