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Baustelle Michaelskirche: Seit Ende März wird die neue Orgel installiert, das gute Stück wird in diesem Herbst mit einer Konzertreihe vorgestellt.

Baustelle Michaelskirche: Neue Orgel wird gestimmt

München - Auf der Suche nach dem perfekten Klang: Die neue Orgel der Münchner Michaelskirche wird eingebaut und gestimmt. Das ist ein Knochenjob. Deshalb wird die Baustelle "Orgel" auch noch einige Wochen erhalten bleiben.

Ein wenig übermüdet sieht Michel Garnier schon aus, als er sich im beschaulichen Innenhof der Münchner Michaelskirche in seinen Stuhl fallen lässt. Aber verdenken kann man es dem Franzosen kaum. Viel Schlaf haben der Orgel-Spezialist und sein Team auch in dieser Nacht nicht bekommen: „Das ist eben Berufsrisiko.“ Und so lange die große Baustelle mitten in der Fußgängerzone weiterhin für unliebsame Nebengeräusche sorgt, wird sich daran wohl auch nichts ändern. Denn um der neuen Orgel von St. Michael den perfekten Klang zu verpassen, braucht es vor allem eines: absolute Ruhe.

Montiert wird das gute Stück zwar bereits seit Ende März. Doch bis zur feierlichen Einweihung im Oktober werden trotzdem noch einige Nachtschichten vor den Orgelbauern liegen. „Viele glauben wahrscheinlich, man stellt das auf und kann gleich anfangen zu spielen“, sagt Organist Peter Kofler. „Aber ganz so einfach ist das mit der Orgel leider nicht. Bis hier alles richtig intoniert ist und das Ganze nach etwas klingt – all das ist noch einmal eine Kunst für sich.“

Und genau an dieser Stelle kommt nun Michel Garnier ins Spiel, der seit fast 40 Jahren Orgeln ihre individuelle Stimme verleiht. „Aber fragen Sie mich jetzt bitte nicht, an wie vielen ich schon gearbeitet oder wie viele Pfeifen ich in meinem Leben gestimmt habe“, wehrt er ab. „Das will ich lieber gar nicht wissen. Sagen wir einfach es waren viele… Sehr viele.“

Ein paar Zahlen und Fakten müssen aber doch sein. Denn wie komplex es im Innenleben einer Orgel zugeht, das lässt sich für den normalen Kirchgänger oder Konzertbesucher nur schwer erahnen, wenn er lediglich die rund 40 blank polierten Röhren an der Vorderfront zu Gesicht bekommt. Was dahinter noch alles verborgen liegt, offenbart sich nur den wenigen Eingeweihten, die den Orgelbauern nun bei der Montage ausnahmsweise über die Schulter blicken dürfen. Was es zu entdecken gibt: eine ausgeklügelte Mechanik, die den Spieltisch mit den Ventilen verbindet. Hölzerne Schwellkästen, die mit verschließbaren Lamellen und Klappen den Ton dämpfen oder intensivieren. Und natürlich hunderte weiterer Pfeifen. Die kleinste gerade mal knapp einen Zentimeter lang, bis hin zum Gegenstück mit fünf Metern Höhe.

Doch keine davon, die vor ihrem endgültigen Einbau nicht noch einmal durch die erfahrenen Hände von Michel Garnier geht und vor seinem kritischen Ohr bestehen muss. „Natürlich erstellt man schon vorher ein Konzept, und die Pfeifen kommen alle vorgestimmt aus der Firma“, sagt er. „Aber wie sie zusammen im Raum klingen, das weiß man immer erst, wenn sie tatsächlich stehen.“ Notwendig ist also eine filigrane Feinabstimmung. Es wird geklopft, gefeilt und gebogen, um damit die einzelnen Register (Pfeifenreihen) in Farbe und Lautstärke exakt aufeinander abzustimmen. „Es ist vor allem wichtig, sich Zeit zu nehmen. Die Akustik in St. Michael ist schön, aber nicht ganz leicht für uns.“

Also braucht es schon ein genaues Gespür, welchem historischen Klangideal man sich am besten anzunähern versucht. Denn auch hier gibt es feine Unterschiede, die dem Laien kaum bekannt sind: ob nun die obertonreiche barocke Schule oder die kräftigere, mehr auf homogene Klangflächen bauende romantische Intonation. „Wir streben da einen Kompromiss an“, erklärt Garnier. „Schließlich soll man auf der Orgel später ja alles spielen können – vom Barock bis zur Moderne.“

Ganz im Sinne von Hauptorganist Peter Kofler dürfte dies sein, der für den von ihm organisierten Orgelherbst bereits große Konzertpläne hat, die das volle Spektrum des neuen Prachtstücks demonstrieren sollen. Zur Eröffnung will auch Michel Garnier wieder nach München kommen und sein Werk endlich in Aktion erleben: „Was einen schönen Klang ausmacht, ist ja nur schwer zu definieren.“ Letztlich sei das immer Gefühlssache. „Eine Orgel ist ein Instrument wie jedes andere auch und will gepflegt werden. Sie lebt und spricht zu uns. Und manchmal schimpft sie auch. Trotzdem ist es jedes Mal wieder überwältigend zu erleben, wenn ein neues Instrument wächst und dann zum ersten Mal gespielt wird. Das ist fast wie eine Geburt. Wenn Sie mir den Vergleich erlauben.“

Von Tobias Hell

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