„Sie war so vielseitig“

Sie möchte einen von Bayerns Schätzen bewahren: Isabelle Jansen erstellt in mühsamer Detektivarbeit das Gesamtverzeichnis der Gemälde von Gabriele Münter.

„Daran denken darf ich nicht, dass es noch Jahre dauern wird“, sagt Isabelle Jansen mit schüchtern-verschmitztem Lächeln, denn die Wissenschaftlerin und Geschäftsführerin der Gabriele-Münter-und-Johannes-Eichner-Stiftung würde nie aufgeben. Die Rede ist vom Gesamtverzeichnis der Gemälde der Münter (1877-1962). Sie ist die Schutzheilige der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, denn ohne ihre Schenkung und Stiftung wäre das Museum überregional recht bedeutungslos. Ihr ist die stupende Sammlung mit Werken der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ zu verdanken - und damit die Weltgeltung des Hauses. Ihr ist also jegliche Ehre zu zollen. Und dazu gehört auch die mühselige Arbeit, ein Gesamtverzeichnis zu erstellen.

Seit 2004 sitzt die französische Kunsthistorikerin daran - und ein Ende ist noch nicht absehbar. Darüber hinaus muss sie sich damit abfinden, nie alle Gemälde - das heißt: „Öl auf Pappe oder Leinwand“ - entdecken zu können. Sie rechnet jetzt, wo knapp die halbe Wegstrecke hinter ihr liegt und bereits 18 gefüllte Leitzordner im Regal stehen, damit, am Ende nur ungefähr zwei Drittel bis drei Viertel erfasst zu haben. „Man muss arbeiten und nicht nachdenken, um nicht entmutigt zu werden“, bekennt Jansen. Sie gehört zu der Spezies Mensch, die mit langem Atem gegen das ungeduldige Gehechel einer kurzlebigen Zeit angehen.

Warum ist es aber notwendig, ein Gesamtverzeichnis für einen Künstler zu haben? Isabelle Jansen zögert. Als Stiftungs-Geschäftsführerin denkt sie zuvörderst an diese und ihre Patronin: „Wir wollen vor allem das Werk von Gabriele Münter bekannt machen und wissenschaftlich bearbeiten.“ Aber sie weiß auch, dass mit dem Verzeichnis der entscheidende Überblick über das Œuvre geboten werden kann. Das sei die Basis für jegliche Forschung, „für jeden Interessierten und den Kunsthandel. Das ist ein Nachschlagewerk“, erklärt Jansen. Also kein süffiger Bildband. Spannend sei, dass man aus solch einem Standardwerk ersehen könne, wann ein Künstler zum Beispiel produktiver gewesen sei oder wann er sich anderen Themen zugewendet habe. Bei Münter sei der Wechsel von Landschaft und Porträt bemerkenswert - aber noch etwas anderes begeistert die Kunsthistorikerin: „Gabriele Münter war so vielseitig! Bis hin zur Neuen Sachlichkeit. Ihr Schaffen geht ja weit über die Blauen-Reiter-Jahre hinaus. Ich finde ihre farblich zarteren Gemälde aus ihrer skandinavischen Zeit wunderschön.“

Isabelle Jansen kam als Studentin durch das Erasmus-Programm nach Deutschland. Über Heidelberg und Berlin führte ihr Weg nach München; ab 1998 bewies sie ihre Fähigkeiten bei dem Projekt, das alle Fotografien erfasste, die die Münter gemacht hatte. „Das war eine deutsch-französische Zusammenarbeit mit dem Centre Pompidou.“ Heimweh hat sie nicht nur wegen ihrer erfüllten Arbeit in München nicht, sondern auch weil sie „aus privaten Gründen nicht mehr aus Deutschland wegwollte“. Der Münter aber ist sie weltweit auf der Spur. Vor allem im deutschsprachigen, skandinavischen Raum, aber auch in den USA. Hans Konrad Roethel, der 1957 als Chef des Lenbachhauses Münter und ihren Lebensgefährten Eichner von der Schenkung überzeugen konnte, hatte eben gute Beziehungen in die Vereinigten Staaten. Schwierige Gefilde allerdings für Jansen. Dennoch kontaktiert sie unverdrossen auch dort Auktionshäuser, den Kunsthandel und schaltet wie in Europa Anzeigen in Fachpresse und Tageszeitungen, um auf Sammler zu stoßen. „Der größte Teil von Münters Schaffen ist in Privatbesitz“, seufzt sie und hofft, dass auch dieser Artikel Münter-Freunde zur Mitarbeit animiert.

Besondere Freude macht es ihr, wenn sie Eigner kennenlernen darf, die Nachkommen von den Porträtierten sind. „Dann wird Münter lebendig“ durch die Anekdoten von damals. Etwa von mühsamen Sitzungen, bis die Künstlerin mit einem Bildnis zufrieden war. So mancher Urlauber hat seinen Aufenthalt in Murnau, wo Gabriele Münter ihr Haus hatte, genutzt, um ihr einen Auftrag zu erteilen.

Leider springen einige Sammler ab, wenn sie merken, dass der Kontakt zur Stiftung mit ein wenig Arbeit verbunden ist: Die Kunsthistorikerin verschickt einen Fragebogen. Maltechnik, Maße, Entstehungsjahr, Signatur, etwaige Beschriftungen auf der Rückseite sollen angegeben werden, aber auch „wann und wo das Bild erworben und wo es ausgestellt wurde“. Obendrein möchte sie ein professionelles Foto vom ausgerahmten Werk.

Glücklich, wer es nicht weit zum Lenbachhaus hat. Dort wird das Fotografieren von den Restauratoren übernommen. Sie sind ohnehin intensiv in das Projekt Gesamtverzeichnis eingebunden, zumal sie Münters Maltechnik erforschen. Durch diese Zusammenarbeit konnte sogar die Identität eines Gemäldes geklärt werden, das Jansen nur von einem Foto kannte. Darauf zu sehen ist Gabriele Münter in Kallmünz (s. Abb.), wo sie mit Wassily Kandinsky 1903 auf Mal-Tour weilte. Sie hält ein fertiges Bild seitlich nach unten gekippt. Wo könnte das heute sein, und was war überhaupt dargestellt? Eines Tages kam ein Besitzer mit einem Werk, das seines Wissens einen Blick auf Sèvre bei Paris darstelle. Der Kunsthistorikerin kam das merkwürdig vor, weil die Szenerie „so ländlich“ war. Als die Restauratorin Judith Ortner das Gemälde ausgerahmt hatte, wurde schnell klar: Das ist jenes Bild, das auf der alten Aufnahme dokumentiert war - Kallmünz.

So sind es gerade viele scheinbare Kleinigkeiten neben Auktions- oder Ausstellungskatalogen, die Isabelle Jansen weiterbringen. Da ist Münters eigenes „Verzeichnis“ mit winzigen, oft verblichenen Fotografien, da ist ein Katalog von 1913 - nur ein hübsches Faltblättchen (!), das jedoch 69 Gemälde auflistet. Damit ist dann die geduldige Detektivin genauso gefordert wie bei übermalten oder beidseitig bemalten Bildern oder gar bei beidseitig bemalten Pappen, die vom Kunsthandel auseinandergeschnitten wurden.

Kein Wunder, dass die Wissenschaftlerin froh ist, wenn sie gewissermaßen zur Erholung ihre anderen Forschungsergebnisse aus der Fülle des Archivs fürs Murnauer Münter-Haus aufbereiten kann. 2012 wird sie dort der Sitzung zu dem legendären Almanach „Der Blaue Reiter“, die vor 100 Jahren stattfand, eine Ausstellung widmen.

Simone Dattenberger

Gabriele-Münter-Sammler möchten sich an die Stiftung unter info@muenter-stiftung.de wenden.

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