Sieben wirkliche Leben

- In den Nachrufen auf Siegfried Unseld war immer wieder davon die Rede, dieser habe "nach 1945 den Deutschen Geist neu definiert". Trotzdem ist der Suhrkamp Verlag längst nicht der alleinige Vorreiter von West-Bindung und Demokratisierung, dem Bruch mit den unseligen Traditionen des "Deutschen Sonderwegs". Ähnlich wie Karl Dietrich Bracher oder Kurt Sontheimer ist auch Ralf Dahrendorf einer der führenden Repräsentanten jener Generation von liberalen Wissenschaftlern, die in den ersten Jahrzehnten nach Kriegsende der Bundesrepublik neben dem wirtschaftlichen auch ein geistiges Fundament schufen.

<P>"Über Grenzen" nennt Dahrendorf seine Lebenserinnerungen an diese Zeit. Ein knapper Text, uneitel und gut erzählt, der sich auf die ersten 28 Lebensjahre des Autors konzentriert, doch immer wieder bis in die Gegenwart ausgreift. Zunächst beschreibt der 1929 in Hamburg als Sohn eines Journalisten und sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten geborene Dahrendorf eine recht typische bürgerliche Jugend im Berlin der 30er-Jahre - "geborgte Zeit" - mit humanistischem Gymnasium, Ferien an der Ostsee, HJ-Zugehörigkeit und "Kinderlandverschickung" bereits im ersten Kriegsjahr nach Polen, die den damals Zwölfjährigen noch heute mit "Schuld und Scham" zurückdenken lässt.</P><P>Schließlich, zurück in Berlin, Schuljahre im Bombenkrieg und mit 14 heimliche Schwärmerei für die von den Nazis verbotene Swing-Musik. Normal und doch ungewöhnlich. Denn Vater Dahrendorf war gut mit Julius Leber und anderen befreundet, die die Untergrund-SPD zwischen 1933 und 1945 führten. Und so erlebte der Sohn auch die verschwiegenen Gespräche des bürgerlichen Widerstands, der den Vater am Ende in den Umkreis des 20. Juli führte. Als Mitwisser dieser "Revolte des Anstands" stand er am Volksgerichtshof vor Blutrichter Freisler und überlebte das Kriegsende im Zuchthaus.</P><P>Auch sein Sohn wurde Ende 1944 verhaftet, nachdem er mit Freunden Anti-Hitler-Flugblätter geschrieben hatte. Die zehn Tage Einzelhaft "nicht das Schlimmste, was Menschen in einem Jahrhundert der Verfolgung zustoßen kann", resümiert Dahrendorf, "haben jenen fast klaustrophobischen Drang zur Freiheit in mir geweckt", der im eigenen Rückblick sein ungewöhnliches Gelehrtenleben prägt: Nach dem wirklichen Anfang der "Stunde Null" folgte ein Soziologiestudium in London. In Saarbrücken wurde Dahrendorf Professor, arbeitete am berühmten Frankfurter Institut für Sozialforschung, engagierte sich für Willy Brandt, trat aber der FDP bei, für die er sogar EU-Kommissar in Brüssel wurde. Nebenbei schrieb er wissenschaftliche Bestseller wie "Pfade aus Utopia" oder "Homo Sociologicus". In den 80ern ging Dahrendorf dann nach England (wo er geadelt wurde), war Direktor an der "London School of Economics".</P><P>Ein "Patchwork", also einen Flickenteppich, nennt Dahrendorf seine Biografie, meint, "sieben wirkliche, teils nur mögliche Leben" gelebt zu haben. Die Kontinuität seiner ungewöhnlichen Wandlungsfähigkeit und -bereitschaft sieht er selbst in der "immer wachen Sorge vor der Wiederkehr des Nazismus" - ein idealtypischer Liberaler und unabhängiger Intellektueller. </P><P>RÜDIGER SUCHSLAND</P><P>Ralf Dahrendorf: "Über Grenzen. Lebenserinnerungen". C. H. Beck Verlag, München. 190 Seiten, 19.90 Euro.<BR>Heute Abend um 20 Uhr stellt Dahrendorf sein Buch im Münchner Literaturhaus vor. </P>

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