Siebenfaches Kathrinchen

- Gemeinhin verursachen "doppelte Lottchen" personelle Verwirrung. In "Der Widerspenstigen Zähmung" (1969) waren es jetzt die doppelten und dreifachen Biancas, Gremios und Lucentios, ja die fünf- bis siebenfachen Katharinas und Petrucchios! Alle aktuellen Besetzungen und ehemalige Stars auf einen Streich. Zur 100. Münchner Vorstellung des Cranko-Dauerbrenners stiftete Ivan Liska sein Staatsballett zu diesem Gala-Scherz an - auf den sich sogar Exballettchefin Konstanze Vernon einließ. Nationaltheater in Balletto-Feststimmung.

<P>Nie wollte die kluge Vernon auf Mütterrollen umsteigen. Aber in Shakespeares hintergründiger "Schule der Gatten" einmal anklingen zu lassen, so als graumelierten Gedanken, dass ein "Zähmungsverhältnis" auch 30 Jahre stattlich halten kann, das hat ihr doch - bei gekonnter Prise Ironie des scherzhaften "Spiels im Spiel" - mächtig Spaß gemacht. Vor allem mit Ausstatter und Regisseur Jürgen Rose, der, Chapeau, ein selbstverständlich "reifes" Petrucchio-Debüt gab. Wenn beide am Schluss von der Galerie (Roses Ausstattung für die Münchner Übernahme 1976) auf das junge Schluss-Paar Lisa-Maree Cullum/Alen Bottaini herabschauen, war der Abend ganz logisch - eine Rückblende.</P><P>Sonst ging's ja eher ein bisschen unlogisch zu: Gerade fauchte Judith Turos als Käthchen über die Bühne. Und schon ist es Valentina Divina, die Norbert Graf nur mählich schmelzenden Stahlart-Widerstand leistet. Graf, eben noch lässig entspannt werbender Petrucchio, löst bald mit zierlich wedelndem Schnupftüchlein Gremio-Kollege Udo Kersten ab. Alldieweil auch Christian Janole, Roman Lazik und Peter Jolesch sich sozusagen das Lucentio-Kostüm und letztlich auch die angebetete Bianca - erst Michelle Nossiter, dann Maria Eichwald - weiterreichen. So weit, noch so ziemlich durchschaubar.</P><P>Aber wenn Ferenc Barbay kurz aufs Brautwerber-Knie fällt, Oliver Wehe strahlend gelaunt auf hölzernem Rösslein mit fröstelnd-hungriger Turos-Käthe durch die Gewitternacht reitet, drauf in zerbröselnder Adelsburg aber Kirill Melnikow, zwecks erhöhter Zähmungsstufe, auf eiserne Fastenkur setzt, und schließlich statt Melnikow Ballettchef Liska selbst nebst Gattin Colleen Scott den ruckelnden Rückritt antritt, tja dann muss sich für Erst-/Zweit-Zuschauer der Handlungsfaden etwas verzwirbeln. Ohnehin aber in der Überzahl die Habitué´s.</P><P>Und die hatten ihre legitimen "Aha"-Glückssekunden und herzhafte Lacher. Schwelgten im Familien-Tohowabohu des Hauses Baptista, das Dirigent Myron Romanul entsprechend anheizte. Hatten Gelegenheit, in diesem fliegenden Gewand- und Schritt-Wechsel mal quasi synchron zu vergleichen, wer wie - und wie gut - welche Rolle gestaltet. "Genial old master" Cranko hat in jede praktisch die ganze Welt des Balletts gepackt. Trotzdem - nach diesem Kompaktereignis dürfte dieser Cranko, von uns aus, auch mal eine Weile ruhen . . .<BR></P>

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