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Die "Siegfried"-Aufführung in Bayreuth - hier Hauptdarsteller Lance Ryan - sorgte für viel Protest im Publikum.

"Siegfried" in Bayreuth

Oralsex auf der Bühne: Festspiel-Publikum empört

München - Sex auf der Bühne, Plastikkrokodile und dazu Marx und Lenin - Die "Siegfried"-Aufführung bei den Bayreuther Festspielen sorgt beim Publikum für Verwirrung und Wut.

Es ist ein Vorgeschmack auf das, was Frank Castorf am Freitag erwarten dürfte: Nach der Aufführung seiner Inszenierung des „Siegfried“ bei den Bayreuther Festspielen bricht am Mittwochabend ein wahrer Proteststurm auf dem Grünen Hügel los. Als der Vorhang nach dem dritten Teil von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ fiel, beginnt ein wütendes Buhkonzert - nur unterbrochen von einigen Bravo-Rufen.

Regisseur Castorf selbst hat sich bislang noch nicht auf der Bühne gezeigt. Er wird sich - wie beim „Ring“ üblich und auch im letzten Jahr geschehen - erst nach dem vierten Teil, der „Götterdämmerung“, am Freitag dem Publikumsurteil stellen.

Hauptdarsteller fürchtet das Publikum

„Ich habe noch nie ein Publikum erlebt mit so viel Hass, so viel Wut und so viel Rache“, sagte Siegfried-Darsteller Lance Ryan vor der Aufführung im Interview der Nachrichtenagentur dpa. „Es macht ein bisschen Angst, und es ist einfach schrecklich.“ Bereits im vergangenen Jahr war Castorfs Inszenierung gnadenlos niedergebrüllt worden.

Aber der Berliner Theatermann macht es den Bayreuthern auch wirklich schwer, ihn lieb zu haben. Sein „Siegfried“ mutet dem Publikum einiges zu - vom Blowjob, den Erda (Nadine Weissmann) Wotan (Wolfgang Koch) verpasst, über Plastik-Krokodile, die im romantischsten Moment zwischen Siegfried (Ryan) und Brünnhilde (Catherine Foster) zu kopulieren versuchen und dann wahlweise einen Sonnenschirm oder den armen Waldvogel (Mirella Hagen) auffressen, bis hin zur Kalaschnikow, die Siegfrieds Schwert Nothung ersetzt.

Ratlose Blicke

Castorf inszeniert die Heldengeschichte um den ungestümen jungen Mann vor der Kulisse eines kommunistischen Mount Rushmore, auf dem keine US-Präsidenten zu sehen sind, sondern Marx, Lenin, Stalin und Mao - und auf dem Berliner Alexanderplatz. Was das soll, und was das vielleicht sogar mit dem „Ring des Nibelungen“ zu tun haben könnte, das ist die große Frage des Abends. „Why?“ - Warum? - fragt ein britischer Festspielbesucher ratlos. Er erntet Achselzucken.

Ob auch Angela Merkel nur ein Achselzucken einfällt, wenn es um die Inszenierung geht, ist nicht bekannt. Sie kommt am Mittwoch - ganz privat - mit ihrem Mann Joachim Sauer auf den Grünen Hügel und macht sich rar. Sang- und klanglos verschwindet sie auf ihrem Platz. Dass sie ein Outfit trägt, das dem blauen Zweiteiler vom vergangenen Jahr mehr als ähnelt, bekommen die Gäste trotzdem mit.

Das Öl als Gold unserer Zeit hatte Castorf als Leitmotiv ausgegeben. Im „Siegfried“ ist davon noch weniger zu sehen als im „Rheingold“ oder der „Walküre“, in denen mit einer Tankstelle und einer Ölbohrstation wenigstens die Kulisse noch an das Thema angelehnt war. Im „Siegfried“ schmiert sich Castorfs Running Gag, sein Assistent Patric Seibert, der als Statist durch den kompletten „Ring“ geistert und im „Siegfried“ zum Beispiel der Bär ist oder ein Kellner, etwas ins Gesicht, das Öl sein könnte. Und an einer Bühnenseite leuchtet der Schriftzug „Minol“ - das war's.

Castorf will "reine Fantasie"

„Es ist nicht eine Geschichte, nicht eine Idee, nicht ein Konzept“, sagt Ryan. „Man muss sich immer fragen, was er meint.“ Viele Zuschauer haben dazu aber nicht die Geduld - zumal die Frage erlaubt sein muss, ob Castorf sich bei seiner scheinbar wahllosen Kombination assoziativer Elemente überhaupt etwas gedacht hat. „Er will reine Fantasie“, sagt Tenor Ryan.

Dabei ist das symptomatisch, was auf zahlreichen Zetteln steht, die als Warnung im Opernhaus verteilt sind. „Wir weisen Sie darauf hin, dass es im II. Aufzug zu einem lauten Bühneneffekt (Gewehrsalve) kommt“, steht darauf über den Moment, in dem Siegfried den Riesen Fafner mit der Kalaschnikow zur Strecke bringt. Und das gilt für Castorfs gesamte Inszenierung: Sie ist laut, sie ist grell, sie ist provokativ und ab und zu auch durchaus unterhaltsam. Mehr ist sie nicht.

Viele Zuschauer sind allerdings inzwischen ohnehin dazu übergegangen, zu zelebrieren, was zu zelebrieren ist: Gefeiert wird auch am Mittwoch vor allem wieder Dirigent Kirill Petrenko - dicht gefolgt von Brünnhilde-Darstellerin Foster, Wolfgang Koch als Wotan und Burkhard Ulrich als Mime. Etwas weniger Applaus gibt es für Ryan als Siegfried.

dpa

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