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Typische Pose: Siegfried Lenz hält 2009 während eines Interviews seine Pfeife. Am Dienstag ist er 88-jährig gestorben.

Nachruf

Siegfried Lenz: Der große Erzähler der kleinen Welten

München – Oft ist Siegfried Lenz mit Heinrich Böll und Günter Grass in einem Atemzug genannt worden, auch wenn er nie zu Nobelpreisehren gelangte. Jetzt ist der große Nachkriegsautor („Deutschstunde“) im Alter von 88 Jahren gestorben.

Mit jedem Menschen, der stirbt, stirbt auch Geschichte – nicht nur seine eigene. Wenn eine Persönlichkeit wie Siegfried Lenz stirbt, empfinden wir dieses Faktum in seiner ganzen Bedeutung. Er, 1926 geboren, gehörte zur Generation der „Pimpfe“, die einerseits bei Kriegsende als letztes Kanonenfutter herhalten mussten und ahnungslos ins Abschlachten stolperten; andererseits noch blutig daraus Konsequenzen zogen und mit voller Energie die Demokratie der Bundesrepublik Deutschland aufbauten und mit Leben erfüllten.

Die Tiefe und Abgründigkeit dieser Erfahrungen können wir Jüngeren kaum nachvollziehen: Deswegen ist diese Generation – die ab und zu hochnäsig wegen ihrer NS-Verquickung angepöbelt wird – so existenziell wichtig für den geistigen und ethischen Zustand unseren Gesellschaft. Sie verliert in Siegfried Lenz nicht nur einen Schriftsteller von einzigartiger Farbe, sondern auch einen Identitätsstifter für Deutschland und Europa, insbesondere Osteuropa. Lenz engagierte sich ja für die Ostpolitik Willy Brandts.

Der Hamburger aus Masuren im früheren Ostpreußen, der am Dienstag mit 88 Jahren im Kreis seiner Familie starb, war der pädagogischste unter den Autoren seiner Generation. Den Lehrerberuf („...ich wollte meine Schüler zum Zweifel bekehren...“) hatte er zunächst angesteuert, um dann doch Journalist bei der englischen (Besatzungs-)Zeitung „Die Welt“ zu werden. Freie Information war zum Glücksgefühl geworden, das er in Kriegsgefangenschaft in Dänemark (Lenz war kurz vor Kriegsende dort desertiert) durch britische Blätter erfahren durfte und nie vergaß.

Zum Lesesüchtigen war er schon als Bub im Geburtsort Lyck geworden, als er Western- und Abenteuerheftchen verschlang. Nach dem Krieg kam die Weltliteratur, kamen Hemingway, Faulkner oder Dos Passos dazu. In seinem wunderbaren Essay „Ich zum Beispiel – Kennzeichen eines Jahrgangs“ (1966) betonte er denn auch: „Ich las, und ich spürte vor allem, daß ich las, um mich selbst zu verstehen.“

Wie überragend bedeutsam Lesen ist, bezieht Lenz in vielen seiner literarischen Werke mit ein. Sogar die heitere Schlitzohren-Utopie namens „So zärtlich war Suleyken“ (1955), die in Masuren spielt, beginnt mit einer Geschichte über den „Leseteufel“, der Großvater Hamilkar Schaß in den Fängen hält. Und der schlägt – Stichwort: Utopie – mit seiner Lese-Energie ganz entspannt einen grausigen Kriegsherrn in die Flucht.

Literatur befreit. Für den Leser Lenz mehr noch als die Pädagogik, denn er wollte auf keinen Fall vorgegebene Denkstrukturen vermitteln. So entwickelte sich aus dem Leser und Journalisten Lenz der Dichter Lenz. „Schreiben ist für mich die beste Möglichkeit, um Personen, Handlungen und Konflikte verstehen zu lernen“, formulierte er selbst die Kraft des Schreibens. Auch dieses Phänomen stellte er immer wieder in seinen Romanen und Erzählungen dar. Gerade in dem Buch, das ihm den Durchbruch bei der Leserschaft brachte, das auf der ganzen Welt millionenfach verkauft wurde – im Ostblock gab es massenweise Raubdrucke –, das unauflöslich mit seinem Namen verbunden bleiben wird: „Deutschstunde“ (1968). Ein junger Mann muss in der Jugendanstalt eine Strafarbeit schreiben – über die Freuden der Pflicht. Seine Erinnerung führt ihn und uns in seine Kindheit während der Nazi-Zeit. Als Bub beobachtete er seinen Vater, den Dorfpolizisten, wie der das Malverbot bei einem verfemten Künstler (Vorbild war Emil Nolde) überwachte – mehr und mehr verbissen. Die Pflichterfüllung für den Verbrecherstaat wird zum Wahn. „Pflichtblindheit“ beschäftigte den Autor immer wieder.

Lenz hatte 1951 mit seinem Romandebüt „Es waren Habichte in der Luft“ einen Achtungserfolg errungen, 1952 wurde er in die legendäre Gruppe 47 aufgenommen. Aber mit „Deutschstunde“ schoss er in den Olymp der Bekanntheit. Kein Wunder, dass Film und Fernsehen da zuschlugen. Lenz hatte bereits Hörspiele geschaffen, war also, obwohl kritisch, medial aufgeschlossen. Die „Deutschstunde“, die im Übrigen unfassbar oft literaturwissenschaftlich interpretiert wurde, kam ins Fernsehen (1970). Genauso wie „So zärtlich war Suleyken“ (1971/72), „Heimatmuseum“ (1978) oder „Das serbische Mädchen“ (1987). Auch frühe Texte wie „Der Mann im Strom“ (1957) – 1958 mit Hans Albers und 2005 mit Jan Fedder verfilmt –, „Brot und Spiele“ (1959) oder „Das Feuerschiff“ (1960) reizten dazu, sie in eine Bildergeschichte umzusetzen.

Das beleuchtet Lenz’ Erzählweise. Sie ist schlicht, aber niemals flach, sie grenzt niemanden aus, sondern spricht zu allen, egal welcher Herkunft, welchen Ausbildungsgrads. Sie liebt den Alltag und das sogenannte Kleine, beweist zugleich, dass sich das Große, Wichtige, Entscheidende nur hier abspielt: „Die inspirierende Quelle der Literatur – wie überhaupt der Kultur – ist nicht die Welt, sondern die Region, der überschaubare Ort, die erfahrbare Nähe.“

In seinem Œuvre, das der Hamburger Hoffmann und Campe Verlag herausgibt, erzählte uns der Künstler seit Jahrzehnten von dieser Beziehung, die außerdem die zwischen Macht und angeblicher Ohnmacht enthält. Daraus folgerte Lenz für uns alle: Niemand kann sich seiner Verantwortung entziehen. Keiner kann sich hinter den Herrschenden verstecken. Die Ausrede, „ich kann ja doch nichts ausrichten“, lassen seine künstlerischen Texte nicht gelten. Gerade weil Lenz den normalen Menschen als souveränes Geschichtsindividuum zutiefst achtete, muss dieser sich seiner Schuld stellen.

Der Dichter, der gerade diese Menschen verständnisvoll liebte und mit eben der Liebe ihr Wesen zwischen skurriler Blödelei und Todesverzweiflung modellierte, blieb in dieser Haltung bis zu seinem Tod konsequent. Schmerz und Schuld müssen wir uns stellen. Das tat Siegfried Lenz immer wieder in seinem Schreiben, das sich nie um den Zeitgeist scherte – weder formal noch inhaltlich. Er verteidigte die sozusagen wenig Beachteten: die uralte Kunst des Erzählers, die Jugendlichen, die Handwerker, die Alten, die Landleute oder die, die sich im Leben kaum oder nicht mehr zurecht finden. Und er verteidigte all diejenigen, die mit fröhlicher, sanfter Subversivität unsere durchorganisierte Stromlinien-Welt untergraben.

„Ich hatte das Bedürfnis, meine Illusionen, meine Abschiede, meine Schwenkungen und Überholmanöver zu begründen; ich wollte meine Rolle an einem ganz bestimmten Punkt verstehen lernen...“, reflektierte Siegfried Lenz vor vielen Jahrzehnten über sich selbst. Mit seinen Romanen und Erzählungen – zuletzt „Die Maske“ (2011) – verhalf er uns Lesern stets aufs Neue zu solch einem Nachdenken. Das wird der Schriftsteller, der mit Ehrungen überschüttet wurde, auch nach seinem Tod tun, denn seine Bücher von „Suleyken“ über die „Deutschstunde“ bis zur „Landesbühne“ werden weiterhin den Leseteufel auf uns loslassen.

Simone Dattenberger

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