+
So kennen wir Siegfried Lenz (1926 - 2014), aber in dem Soldatenroman "Der Überläufer" begegnet er uns als ungebärdiger Nachwuchsdichter.

Ein literarisches Ereignis

Lenz-Roman „Der Überläufer“ kommt posthum heraus

  • schließen

München - Siegfried Lenz’ unbekannter Roman „Der Überläufer“ aus dem Jahr 1952 wurde entdeckt und ist jetzt im Handel.

Dem Hoffmann und Campe Verlag ist ein literarischer Schatz in den Schoß gefallen – den das Hamburger Haus eigentlich gar nicht verdient. Zumindest wenn man auf das Jahr 1952 zurückblickt. Jetzt also erscheint als veritable Überraschung ein unbekannter Roman von Siegfried Lenz (1926–2014). Das Typoskript wurde in einer ordentlich mit „Der Überläufer“ betitelten Mappe im Nachlass des Schriftstellers gefunden. Sein gesamtes künstlerisches „Testament“ befindet sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar. Nun ist „Der Überläufer“ kein letztes Werk des großen Dichters, der für unser Land Prägendes wie „Deutschstunde“ oder „Heimatmuseum“ geschaffen hat, sondern eines des noch jungen Anfängers.

1951 hatte Siegfried Lenz mit „Es waren Habichte in der Luft“ seinen Durchbruch als Autor. Der Text war zunächst als Fortsetzungsroman in der Zeitung „Die Welt“ erschienen und dann bei Hoffmann und Campe als Buch herausgekommen. Der Verlag baute sofort auf den Debütanten und steuerte auf einen zweiten Roman zu. Der Arbeitstitel: „... da gibt’s ein Wiedersehen“ nach dem Soldatenlied „Nun geht’s ans Abschiednehmen“. Lenz machte zwar mit seiner Frau Liselotte von dem Verlagsvorschuss eine Marokkoreise, war aber trotzdem enorm fleißig. Schon im Spätsommer haute Lilo in die Tasten, um Siegfrieds Manuskript abzutippen. Der Verlag zeigte es einigen Journalisten, und Lektor Otto Görner gab Lenz wohlwollende Anregungen.

Der junge Schriftsteller vertiefte sich also erneut in seine erste Fassung, die auch mal den Titel „Sumpf“ trug. Er straffte den ersten Teil der Soldatengeschichte und baute den zweiten aus. Im Januar 1952 war die zweite Fassung fertig, und zwar als „Der Überläufer“. Offenbar war genau dieses Thema dem Verlag zu heiß. In der Bundesrepublik wurden noch unglaublich lange Deserteure oder Überläufer stigmatisiert. Lenz selbst war als halbes Kind zur Marine eingezogen worden und bei Gelegenheit desertiert. Dieses Motiv hatte ihn gepackt. Es gehört wie viele andere Stoffe in seinem Œuvre zu der Frage- und Konfliktstellung Pflicht/ Gehorsam und Ethik/ Menschenrechte. Der Autor beschrieb hellsichtig in seinem zweiten Roman das Tabu „Überläufer“: Als der nach dem Krieg auf dem Bahnhof einen alten Kameraden aus der Wehrmacht trifft, behandelt ihn dieser eigentlich herzensgute Kerl wie ein störendes Ding, das im Weg steht.

Genauso störend war plötzlich der Roman von Lenz für den Verlag. Der schob wohl den Lektor vor, um den Nachwuchsschriftsteller abzublocken. Görner schrieb recht unverschämt an Lenz, um ihn einerseits zu einer Änderung zu drängen und andererseits um ihn einzuschüchtern. Beides gelang nicht. Siegfried Lenz blieb bei seinem „Überläufer“. Hoffmann und Campe bot noch an, den ersten Romanteil als Novelle herauszubringen; danach blieb es still. Das Manuskript wanderte in die erwähnte Mappe. Diese zweite Fassung ist nun die Grundlage für die aktuelle Neuerscheinung. Dabei legt der Hoffmann und Campe Verlag von 2016 ehrlich offen, wie sich der Hoffmann und Campe Verlag 1952 im Kalten Krieg verhalten hatte angesichts eines Romanhelden, der zur Roten Armee überläuft. So viel Wahrhaftigkeit wagte man damals nicht.

Dieser Walter Proska aus den Masuren schreibt nach dem Krieg seiner Schwester Marie: ein Geständnis. Von diesem knapp gefassten Rahmen, der die Bedeutung von Erinnerung und Rechenschaft-Ablegen unterstreicht, geht die Geschichte in der langen Binnenerzählung zurück in die Kriegszeit. Proska muss wieder einrücken, Richtung Osten. Verbotenerweise nimmt er im Militär-Zug die Polin Wanda mit, sein „Eichhörnchen“, die er später immer wieder treffen wird – als Geliebte, Partisanin, Schwangere. Und deren Bruder er unwissentlich erschießen wird. Durch ein Attentat verunglückt der Zug, nur Proska überlebt und landet in den Rokitno-Sümpfen (heute Weißrussland und Ukraine). Dort muss er Dienst schieben bei einem Wehrmachts-Grüppchen, das den Bahndamm bewachen sollen. Die von sieben Mann kämpfen allerdings eher gegen Mücken, Hunger, einen fiesen Unteroffizier, der sie befehligt; und sie sind den Partisanen in der Umgebung total unterlegen.

So intensiv der junge Lenz die Sinnlosigkeit des Kriegs durch eine groteske Situation versinnbildlicht, so intensiv erweckt er die alles überwältigende Natur dichterisch zum Leben. Immer wieder taucht dabei zur Überraschung des Lesers ein expressionistischer Siegfried Lenz auf. Und man ist gerührt, ob der unvermuteten Begegnung mit einem ungestümen Jung-Dichter. Haben wir ihn doch als abgeklärten Künstler, der keinen Schnörkel, kein Hochbrausen, kein Spektakel mehr nötig hatte, im Gedächtnis. Trotzdem erkennen wir in dem verschollenen Roman sehr wohl den Lenz: Humor und Menschenliebe, unbestechlicher Blick und moralische Kraft.

Dass das moralische System im Krieg, noch dazu entfacht durch eine „Klicke“ von Verbrechern, zermalmt wird, führt Lenz an Proska und seinen Kameraden aus. Der anständige Kerl wird zum Mörder; die Grenze zwischen soldatischem Töten und privatem Morden ist längst verwischt. Mit einigen in den Erzählfluss ungelenk eingeschobenen Philosophie-Diskursen über Pflicht, Deutschland oder den Tod ventiliert Lenz außerdem das moralische Versagen der meisten Deutschen in jener Zeit. Aus Todesangst und einer Art Nihilismus heraus werden Proska und sein Freund, das „Milchbrötchen“, zu Überläufern.

Noch einmal wird Walter Proska zum Überläufer. Obwohl er nach Kriegsende in der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ) einen guten Posten bekleidet, lehnt er sich auch da gegen das Terrorregime auf – ein „Überläufer“ in den Westen.

Siegfried Lenz: „Der Überläufer“. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 363 Seiten; 25 Euro.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Blind sind die anderen
Saliya Kahawatte hat 15 Jahre in einem Hotel gearbeitet, obwohl er kaum sehen kann – von den Vorgesetzten unbemerkt.
Blind sind die anderen
Der Rest ist – Jubel
München - Hausregisseur Christopher Rüping glückte an den Münchner Kammerspielen eine hochkonzentrierte Inszenierung von Shakespeares „Hamlet“. Lesen Sie hier unsere …
Der Rest ist – Jubel
Unser Soul-Arbeiter
Lee Fields brachte den Club Ampere zum Dampfen
Unser Soul-Arbeiter
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten
Jempten - Falco wäre im Februar 60 Jahre alt geworden. Er starb jung, doch seine Hits wie „Rock Me Amadeus“ und „Jeanny“ begeistern die Menschen noch immer.
„Falco - Das Musical“: Gelungene Premiere in Kempten

Kommentare