Siegfrieds Sozialpsychologe

- Wer erwartet hatte, dass Alfred Biolek, kurz Bio genannt, locker und charmant plaudernd über die Bühne schlendern und dem Publikum derweil erzählen würde, wie viele Jahre Hunding, Alberich und Hagen bekämen, ob Siegfried und Brünnhilde hinter Gitter müssten und Mime vielleicht mit einer Geldstrafe davon käme, der wurde arg enttäuscht. Denn der fernsehbekannte Entertainer stand am Montagabend im Münchner Prinzregententheater - ganz Prof. Dr. - hinterm Stehpult und hatte die Nase im Manuskript.

"Richard Wagners ,Der Ring des Nibelungen vor Gericht" - so lautete (inspiriert von einer längst vorliegenden Schrift eines Juristen) das Motto des Abends. Biolek, ebenfalls studierter Jurist, dröselte nun in seinem zumindest witzig geschriebenen Text den Inhalt der Tetralogie auf. Hier und da hakte er ein, entdeckte eine Straftat - von Nötigung über Raub, Freiheitsberaubung, Inzest, Entführung und Verrat bis Mord -, nannte einen Paragrafen und zog nur bei Jung-Siegfrieds Vergehen Sozialpädagogen und Psychiater zu Rate. Gegen die Götter sei Justitia machtlos räumte Bio zu Beginn ein und forderte im Schluss-Plädoyer: Gnade vor Recht.<BR><BR>Würze gaben dem Abend Schlüsselszenen aus Patrice Chéreaus Bayreuther Jahrhundert-"Ring". Auf einer fast bühnenfüllenden Riesenleinwand tummelten sich die Rheintöchter mit Alberich, wichen die Winterstürme, wurde Siegfried gemeuchelt, stürzte sich Brünnhilde in die Flammen. Fast fühlte man sich im dem Bayreuther Festspielhaus nachgebauten Prinzregententheater wie am wirklichen Tatort.<BR><BR>Als dann noch Dame Gwyneth Jones, Chéreaus wunderbare Brünnhilde, als Gast erschien und über die Probenarbeit mit einem echten, später gestrichenen Pferd berichtete, gab es viel zu lachen. Wagner-Urenkelin Daphne fragte Bio prompt nach Großmutter Winifred und erfuhr, dass bis zuletzt auf deren Schreibtisch ein Hitlerporträt gestanden hatte. Bariton Wolfgang Brendel berichtete, dass er zwar nur vier Jahre lang in Bayreuth den Wolfram ("Tannhäuser") gesungen habe, aber dass danach seine Gagen um ein Drittel in die Höhe geschnellt seien.<BR>Immerhin, beim Vierer-Plausch am Tisch war Bio in seinem Element - und das sogar ohne Karteikarten.

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