Man sieht nichts Nacktes

- "Guten Tag, ich bin Lulu: Was würden Sie denken, wenn sich Ihnen eine Frau so vorstellt? Annette klingt da doch ganz anders", sagt Annette Paulmann. "Lulu, Lola, Lolita, so nennen sich auch im Internet viele Frauen, die ihre Dienste anbieten."

Annette Paulmann, Schauspielerin an den Münchner Kammerspielen, ist momentan täglich konfrontiert mit dem Mythos von der verführerisch verdorbenen Frau oder verderbenden Verführerin und mit seinen zeitgemäßen Erscheinungsformen. Morgen hat sie in Luk Percevals Inszenierung "Lulu live" Premiere (20 Uhr). Zusammen mit Julia Jentsch, Hildegard Schmahl und Henriette Schmidt, den drei anderen weiblichen Darstellerinnen, ist sie Lulu - oder jedenfalls ein Teil von ihr. Denn die Autoren Feridun Zaimoglu und Günter Senkel haben von Frank Wedekinds Skandalstück aus dem Jahr 1904 eine neue Fassung geschrieben.

Vier Frauen im Alter von 20, 40, 60 Jahren und ein junges Mädchen stehen im Zentrum. Die 20-Jährige bietet sich im Internet per Erotik-Chatroom und Webcam an, die Älteren dürfen nur noch das Sextelefon bedienen. "Lulu hat die beiden vor Augen als die Frauen, die sie später einmal sein wird", sagt Annette Paulmann. Die Schauspielerin mit der markanten Glockenstimme, die ihren Figuren in dem Liederabend "Kein schöner Land" oder in den "Nibelungen" immer eine faszinierend wissende Naivität und einen herzlichen Pragmatismus verleiht, spielt die desillusionierte 40-jährige Nutte: "Mit Gewichtsproblemen, einem Mann, auf den sie nicht stolz ist, und einem Haus, das sie an die Bank verloren hat."

Es ist das erste Mal, dass die Schauspielerin mit Luk Perceval zusammenarbeitet: "Ich finde es großartig, in welcher Weise meine Mitarbeit hier gefragt ist. Ich erfinde die Biografie meiner Figur." Es ist auch das erste Mal, dass Annette Paulmann so viel "um eine Figur herum" improvisieren muss, jedenfalls was den Text betrifft: "Wir haben einen festen Parcours, erlauben uns aber jedes Mal kleine, variierte Kurven." Auf einer mehr körperlichen Ebene hat die 41-Jährige damit bereits seit ihren Inszenierungen mit Robert Wilson am Hamburger Thalia Theater Erfahrung. Dort gehörte sie zur Zeit  der  Intendanz  Jürgen Flimms 13 Jahre dem Ensemble an, ehe sie für kurze Zeit ans Wiener Burgtheater und schließlich nach München ging. Das sind eigentlich recht wenige Stationen.

Was geredet wird, wenn kein Kunde am Telefon ist

"Ja, ich bin eine Ensembleschauspielerin", bekennt Paulmann, sichtbar von ganzem Herzen. Und so fühlt sie sich vor allem durch die Gemeinschaft mit den Kollegen auf der Bühne geschützt bei dieser Produktion, in der es viel Persönliches preiszugeben gilt, weil die Grenzen der Figur weniger festgelegt sind als bei anderen Stücken: "Jeder bringt da eine seiner Schwächen ein und muss eine Weile für alles durchlässig sein. Und dann kommt die Phase, wo es plötzlich Vergnügen macht, möglichst boshaft zu reagieren." Trotzdem falle es nicht leicht, aus sich heraus für Figuren dieses Milieus Familiengeschichten zu erarbeiten: "Es tut mir insgesamt weh, was diese Menschen einander sagen. Und die Sprache ist nicht mein Umgangston. Zeitweise denkt man sich: Wenn ich das noch einmal sagen muss, falle ich in Ohnmacht."

Und doch versuche diese Produktion nicht, den Skandal der Uraufführung durch obszöne Bebilderung zu wiederholen: "Die Frage ist: Wo befindet sich Lulu heute? Man sieht nichts Nacktes, hört nur, wie nervig da miteinander umgegangen wird. Kurz: Wir zeigen, was geredet wird, wenn kein Kunde am Telefon ist."

Auf www.muenchner-kammerspiele.de kann man mit dem Regisseur und den Schauspielern der Inszenierung chatten.

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