Siemens-Preis für Anne-Sophie Mutter

München - Er gilt als Nobelpreis für Musik: Die Geigerin Anne-Sophie Mutter erhält in diesem Jahr den Ernst von Siemens Musikpreis. Die Verleihung ist am 24. April in den Münchner Kammerspielen.

"Ein Leben ohne Musik ist ein Leben im Irrtum", antwortete sie einst im berühmten Proust-Fragebogen zum Stichwort "Derzeitige Geisteshaltung". Wie viele Menschen Anne-Sophie Mutter vor diesem Irrtum bewahrt hat, ist nicht abzuschätzen. Seit ihrer ersten Zusammenarbeit mit Herbert von Karajan, als sie 1977 im Alter von nur 14 Jahren mit dem Klassikgott und den Berliner Philharmonikern Mozarts Violinkonzerte interpretierte, gehört sie zu den weltweit bekanntesten Solisten. Dieses Leben für die Musik erfährt nun die denkbar renommierteste Auszeichnung. Typisch Anne-Sophie Mutter, dass sie die 200 000 Euro des Siemens-Musikpreises nicht allein für sich reklamiert: Die Hälfte des Geldes möchte sie der "Anne Sophie Mutter Stiftung" spenden, die internationalen Spitzennachwuchs in den Fächern Violine, Bratsche, Cello und Kontrabass unterstützt.

"Besondere Kennzeichen ihres Spiels sind der warme, seelenvolle Ton, die Direktheit der Gefühlsäußerung", begründet die Siemens-Jury ihre Entscheidung. Und es stimmt: In Zeiten, in denen auch Violin-Solisten, angestachelt durch die Alte-Musik-Bewegung, nach einer Verschlankung, einer Entfettung, gar einem Aufrauen des Klangs suchen, ist Anne-Sophie Mutter eine Vertreterin der Gegenpartei. Ihr Geigenton ist groß, oft gesättigt mit imponierender Substanz, egal, ob sie Brahms, Tschaikowsky, Zeitgenössisches von Ligeti und Rihm - oder eben Mozart spielt. Letzterer blieb ein zentraler Komponist ihres Repertoires, erst kürzlich führte sie Zyklen mit allen Sonaten und Violinkonzerten auf, die überdies für CD eingespielt wurden. "Mozart hat mich zum Menschen gemacht", hat die Geigerin einmal geschwärmt.

Anne-Sophie Mutter stammt aus dem badischen Rheinfelden, begann ihre Karriere 1976 bei den Festspielen in Luzern, bevor der große Mentor Herbert von Karajan in ihr Leben trat. Kein Saal, kein internationales Musikzentrum, in dem Anne-Sophie Mutter noch nicht aufgetreten wäre. Mit Preisen wurde sie überhäuft, ihre Plattenaufnahmen erreichten teilweise astronomische Auflagenzahlen. Seit einiger Zeit lebt sie, die alleinerziehende Mutter zweier Kinder, in München. Und macht sich bereits Gedanken über ihr Karriereende. Kürzlich hatte sie angekündigt, mit 45 Jahren aufzuhören. Das wäre am 29. Juni dieses Jahres. Doch die entsetzten Fans können offenbar beruhigt sein. Dem Arte-Magazin erläuterte die Star-Geigerin, die Ankündigung beziehe sich "nicht explizit auf dieses Datum, sondern auf eine gewisse Spanne, in der ich mein Leben auf der Bühne beenden möchte, bevor man hinter meinem Rücken davon träumt, dass ich zurücktrete". Ihr Münchner Büro präzisierte, Mutter werde zurücktreten, wenn sie sich "älter als 45" fühle.

Mag sein, dass hier auch eine Frustration über den Musikmarkt durchklingt - oder Anne-Sophie Mutter das dauernde Tingeln auch ein wenig leid ist. Auf jeden Fall ist von der selbstbewussten, vor allem selbstkritischen Künstlerin zu erwarten, dass sie - im Gegensatz zu Kollegen - den "richtigen" Zeitpunkt trifft. "Musik kann man nicht ersetzen", meint sie dazu. "Das Leben wird mir die Antwort geben."

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