Silberzahn

- "One Planet under a Groove - Hip Hop und zeitgenössische Kunst". Aber keine Angst, die Ausstellung in der Münchner Villa Stuck ist nicht in lautloser Musealisierung erstarrt, Ohren und Magen kommen durch starke Bässe schon in Schwingung. Übrigens dröhnt der Sound aus einem Baumstamm (Howard Goldkrand).

<P></P><P>Dass die Schau des Bronx Museums überhaupt in Europa und da gerade in München gelandet ist, verdankt sich einer Berliner Hiphoperin, deren Mutter im Bronx Museum arbeitet, und der Aufgeschlossenheit von Stuck-Chefin Jo-Anne Birnie Danzker. Begeistert erzählt sie von der Kunst-Arbeit in der Bronx, der "Verwurzelung in der Gemeinde" und von dem qualitätsvollen Konzept. Mit der Hip-Hop-Exposition will sie zugleich jenes Institut in einem der verrufensten Viertel von New York präsentieren. </P><P>In den 70er-Jahren entstand genau dort die Hip-Hop-Kultur, gespeist aus dem Drang der Jugendlichen, sich sorgfältig stilisiert als etwas Besonderes darzustellen, aus afroamerikanischen und karibischen Quellen. Von diesen paar Straßen aus eroberten Graffiti, Rap, Breakdance und DJ-Virtuosität die Welt. Dazu gehören natürlich auch Klamotten wie Kapuzen-Shirts oder Accessoires wie Goldketten oder Silberpapier, das über die Zähne geschoben wird. Und Partys, bei denen sich Musik, Tanz und Kleidung zum großen Auftritt vereinen.</P><P>Wenn auch die schon etwas angejahrteren Zeitgenossen diese Kultur verwundert betrachten wie die eines unentdeckten Amazonas-Stammes, so fangen die bildenden Künstler dagegen die Inspirations-Signale rasch auf. Was sie aus Hip Hop machen, zeigt das Bronx Museum. Zunächst die beiden bereits von der Kunstgeschichte kanonisierten Herren Keith Haring und Jean-Michel Basquiat; anrührend dessen in frohen Farben gehaltenes Epitaph für den im Gefängnis umgekommenen "Graffiti-Writer" Michael Stewart. Nur roh, wie schnell auf eine Wand geschmiert, skizziert Basquiat die Gewaltszene der auf einen Schwarzen einprügelnden Polizisten. Ganz direkt geht Douglas Ross vor, der mittels Fiberglas originale Graffiti von Mauern abnimmt. </P><P>Seine Strategie einer Art von Spurensicherung folgen die meisten bildenden Künstler _ mehr oder weniger deutlich dokumentarisch. Coreen Simpson zum Beispiel verzeichnet in klaren Fotos die B-Boy-Mode von der Cangol-Mütze bis zum Goldschmuck, Max King Cap verfremdet nur leicht die modisch angesagten Jacken, und Kori Newkirk sammelt Hip-Hop-Utensilien vom mit "Diamanten" aufgemotzten Uhrarmband bis zum Haarspangerl und schwarzen Rucksack. Hinreißend skurril aufgebrezelte Mädchen sind zu sehen, vor allem von Juan Capistran farb-schrill in Szene gesetzt. Apropos Mädchen und Sex. Da scheinen die Künstler (oder die Auswahl des Museums) recht zögerlich und eher humorlos zu sein. Susan Smith-Pinelo kombiniert Musikvideos von Sisqo oder Jay Z mit Softpornos, was aufklärerisch sein soll - Sexobjekt Frau! -, aber unfreiwillig komisch ist: durch den Harmlos-Porno mit seinen züchtig bekleideten Wackelpudding-Popos. Interessant auch: So multikulti und globalisiert Hip Hop ist, es gibt auch Kulturkampf. Der japanische Graffiti-Könner Hisashi Tenmyouya wendet sich per Bild heftig gegen das gewohnte "Wildstyle"-Alphabet und propagiert patriotisch "Kanji".</P><P>Bis 11. 1. '04, Mi.-So. 11-18 Uhr. Begleitprogramm u. a. das große Hip-Hop-Fest "Living Large" an diesem Samstag ab 19 Uhr in der Muffathalle, <BR>www. villa stuck.de</P>

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