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„Das ist eine Familie“: Sir Simon Rattle am Pult des BR-Symphonieorchesters.

Sir Simon Rattle debütiert beim BR: Interview

München - Was am Donnerstagabend im Herkulessaal geschah, war überfällig: das Debüt von Sir Simon Rattle beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Der Chef der Berliner Philharmoniker hatte sich dafür Robert Schumanns „Das Paradies und die Peri“ ausgesucht (Konzerte noch heute und morgen, Stehplätze an der Abendkasse). Zwischen der Aufführung, dem Betrachten von „Ice Age“ mit seinen Kindern und einem Besuch im Deutschen Museum fand er Zeit für ein Gespräch.

-Wer ist die Peri? Ein gefallener Engel?

Sie ist ein Wesen zwischen Engel und einer Sterblichen. Und sie kann nur in den Himmel vordringen, wenn sie ein Geschenk mitbringt, das dem Himmel gefällt. Zu Schumanns Zeit war man in das Werk vernarrt. In 150 Jahren wundern sich die Leute vielleicht darüber, warum viele May Trang so toll fanden. Ähnlich geht es jetzt der „Peri“.

-Erzählt uns das Stück etwas über Schumann?

Ich denke schon. Was die Peri am Ende dem Himmel schenkt, ist ein Zitat aus Bachs „Kunst der Fuge“. So etwas konnte nur Schumann schreiben. Strauss hätte der Peri ein Stück aus seinem „Heldenleben“ mitgegeben.

-Erfordert das Werk besondere Balancekünste - angesichts von Chor, Orchester und immerhin sechs Solisten?

Man muss sich der „Peri“ mit viel Fantasie, vielen Farb-Vorstellungen und großer Flexibilität nähern. Doch dann passiert das Werk auf eine merkwürdige Weise wie von selbst. Wir haben in England eine bekannte Sendung, eine Institution wie das schlechte Wetter: die Hörfunksendung „Desert Island Discs“, in der Prominente ihre acht Platten vorstellen, die sie auf die einsame Insel mitnehmen würden. Ich möchte ohne die „Peri“ auf dieser Insel nicht leben.

-Nikolaus Harnoncourt sagte, wer Bruckner dirigieren will, muss Bruckners Lebenswelt, die Berge, seine österreichische Heimat spüren können und erfahren haben. Gibt es ähnliche Schwierigkeiten bei Schumann, gerade für einen englischen Dirigenten?

Man muss einfach Nikolaus sein, dann geht’s (lacht). Wir Briten sind bei jeder Art von Musik Immigranten. Jeder britische Musiker hat einen unglaublichen Minderwertigkeitskomplex, was das betrifft.

-Bitte entschuldigen Sie...

Schon gut. Gottlob haben wir „Land of Hope and Glory“, das wir wirklich verstehen. Aber immerhin hat Nikolaus auch „Porgy and Bess“ dirigiert und wurde so irgendwie zum schwarzen Amerikaner. Gott sei Dank ist Musik eine internationale Sprache! Aber kein Zweifel: Schumann ist keine Stadtmusik. Sie atmet Wald-Atmosphäre. Und ich bin glücklich, dass ich schon einige Pilze in meinem Leben gesammelt habe.

-Sie haben das Werk schon mit den Berliner Philharmonikern gespielt. Welche Unterschiede gibt es zwischen den Orchestern?

Große. Aber das liegt auch daran, dass am Tag des ersten Berliner Konzerts ein Orchestervorstand gestorben war. Jeder hörte nun auf jedes Wort: Was bedeutet diese Reise einer Seele von der Erde zum Himmel? Und dieses so expressive, extrem individuelle Orchester musizierte auf einmal viel inniger, weicher. Das BR-Orchester ist ein sehr nobel spielendes Ensemble. Ein Klang mit weichen Kanten. Irgendwie ist es noch Rafael Kubeliks Orchester. (Auf Deutsch:) Gott sei Dank! Als ich 14 oder 15 war, kam das Ensemble mit Kubelik nach Liverpool. Sie spielten Beethovens Neunte. Ein Werk, das man eigentlich nie ganz bewältigt. Damals hatte ich das Gefühl: Da war ein Ziel erreicht. Ich hatte es dann nie besser gehört.

-Wie ist es, mit einem Orchester erstmals zusammenzuarbeiten?

Ich war hier in München nicht so nervös, dass ich kein Frühstück zu mir nehmen konnte. Das ging mir bei den Wiener Philharmonikern so. Wie vor einer Wurzelbehandlung war das. Irgendwann dachte ich: Ist doch lächerlich! Es geht doch nur um Musik! Tatsache ist: Wenn der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker woanders gastiert, strengen sich diese Ensembles ziemlich an und wollen dir zeigen: Wir können das besser! Was ich in München sofort gespürt habe: Das ist eine Familie.

-War es Ihre Idee, im Herkulessaal zu dirigieren?

Er ist ideal für Kammermusik. Und es ist bekannt: Ich bin kein Gasteig-Fan. Keiner ist eigentlich ein Gasteig-Fan. Wo immer man in Deutschland auch hinschaut, nach Essen oder Dortmund etwa, da gibt es hervorragende neue Säle. Es ist schon merkwürdig: Sie haben hier eine sehr teure, sehr schlechte Halle gebaut. Das passierte den Londonern mit der Royal Festival Hall genauso. Die Münchner Konzertbesucher ahnen gar nicht, wie viel wunderbarer ihre Orchester klingen könnten, gäbe man ihnen ein besseres Instrument. Es ist wohl nie die richtige Zeit,einen Saal zu bauen.

-In Bayern vielleicht schon...

Als ich hier die Läden in und um die Maximilianstraße sah, dachte ich mir: Wenn sich die Leute das leisten können, sorry, dann können die sich auch einen Saal leisten.

-Was sollte also Mariss Jansons für einen neuen Saal noch tun?

Niemand in der europäischen Geschichte hat so hart für etwas gekämpft wie Mariss für dieses Projekt. Und er ist keiner, der aufgibt. Ich weiß auch nicht, wie man Leute überzeugen kann für etwas, von dem sie noch nicht wissen, welche Verbesserungen das bringen könnte.

-Kehren Sie zum BR nach München zurück?

Es ist eine Frage des Zeitmanagements. Meine Frau Magdalena Koena und ich arbeiten viel. Einer unserer beiden Söhne geht zur Schule, und das muss in Berlin passieren.

-Wo ist Ihre Heimat?

Das hängt davon ab, was man damit meint. Als Brite gehört mein Herz England, mein Zuhause ist aber in Berlin. Unsere Kinder wachsen dreisprachig auf. Als wir einmal eine neue Aufenthaltserlaubnis brauchten und das erklären mussten, begann bei unserem damals fünfjährigen Sohn der Unterkiefer zu zittern, und er sagte fast weinend: „Aber ich brauche das nicht - ich bin doch Deutscher!“

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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