Wir sind Atheisten

- Wann waren die Punischen Kriege, worum ging's beim Wiener Kongress, wie hieß Dschingiskhan mit Vornamen, welcher Krieg begann 1339? - Die Pisa-Studie hat die Verlage mobilisiert. Klett brachte zwecks Überprüfung des eigenen Wissens beziehungsweise Aneignung notwendiger Bildungs-Fakten einen "Taschenatlas zur Weltgeschichte" heraus. Nachmittägliche Quizstunde am Stand in Halle drei. Da spielt jeder Vorbeikommende gerne mit. Rasch bildet sich eine große Zuschauermenge. Wer dreimal eine richtige Antwort ruft, hat ein Exemplar gewonnen. Der Vorrat ist erstaunlich schnell aufgebraucht.

Beste Werbung nicht nur für den "Taschenatlas" selbst, sondern für das Lern- und Trainingsprogramm des Klett-Verlages überhaupt, das unter dem Slogan "Einfach bessere Noten" ein attraktives Angebot unterbreitet. Das Thema Bildung ist "in"; da verwundert es also nicht, wenn sich an diesem Stand mindestens ebenso viele Neugierige drängeln wie an den benachbarten Platzhirschen unter den Verlagen - Fischer, Rowohlt, Beck oder Suhrkamp. Auch bei ihnen kaum ein Durchkommen, denn hier gibt's Autoren zum Anfassen, hier kann man all jene treffen, die in diesem Herbst mit attraktiven Neuerscheinungen vertreten sind wie etwa Monika Maron, Julia Barnes, Robert Gernhardt oder Peter Merseburger.<BR><BR>Neben den stolzen Auftritten der Großen droht die Gruppe der so genannten Religions-Verlage fast unterzugehen. Außer dem Herder- und dem Beck-Verlag, in deren Programm das Thema Religion ja nur eine, allerdings sehr breit gefächerte Komponente unter vielen ist, nehmen sie sich, bewertet nach Messe-Quadratmetern, bescheiden aus. Aber Wissen, wenn zwar nicht Wissenschaft, vermitteln zum Teil auch ihre Publikationen.<BR><BR>Einen Hit hat zum Beispiel der alte Leipziger St. Benno-Verlag zu bieten mit dem "Ersten Quizbuch zum Thema Religion". Innerhalb von vier Monaten bereits die zweite Auflage. Verlagsleiterin Ingrid Dlugos: "Wir können nicht klagen, wir haben keinen Grund zum Pessimismus, die Nachfrage ist ungeheuer groß." Und zwar nicht bloß nach dem Fragespiel. Der Verlag macht seinen Umsatz mit Lebenshilfe-Büchern, gesammelten Sprüchen zum Tage, mit Bildbänden über Klöster, Kreuzgänge und schöne Gärten. Und er gehört in Frankfurt zu jenen glücklichen Ausstellern, die von der Messeleitung nicht aus der begehrten Halle 3 ausquartiert wurden nach Halle 4 zu den ausländischen Verlagen.<BR><BR>Dlugos: "Wir brauchen die unmittelbare Nachbarschaft von Belletristik und Touristik, wir brauchen deren Besucherströme." Kurioses am Rande: In Mitten jener fast ausschließlich christliche Literatur herausgebenden Verlage sitzt jung, fröhlich, selbstbewusst und provokant der Ahriman-Verlag aus Freiburg. Demonstrativ: "Wir sind ein atheistischer Verlag." In seinem Programm Titel wie "Ketzer-Hexen-Inquisitoren" oder "Zwei arme Schweine auf dem Weg zum Himmel".<BR><BR>"Ja, wir haben von den Ereignissen des 11. Septembers profitiert", sagt ein Vertreter des Frankfurter Islam-Verlages. "Das Interesse der Menschen, sich mit dem Koran auseinander zu setzen, ist schlagartig gestiegen." Ausschließlich islamischer Literatur widmet sich auch der Spohr Verlag aus Kandern (Schwarzwald) - Frommes, Historisches, Erlebtes, dazu der Tradition der großen Geschichtenerzähler verpflichtet. Mit einem Faltblatt "Entdecke den Islam", herausgegeben vom Islamischen Zentrum München, wirbt in der Halle 4, wo der größere Teil der religiösen Verlage, auch die buddhistischen, ansässig ist, die Muslim Studentenvereinigung in Deutschland e.V. Nirgendwo aber werden ausdrücklich und sofort erkennbar der 11. September und der Terror erwähnt.<BR><BR>Offensiv, plakativ und nicht zu übersehen distanziert sich davon der Religions-Verlag "Global Publishing" aus Istanbul. An seinem Stand ein grelles Poster: "Der Islam verurteilt den Terrorismus. Die Moral des Islam bringt Rettung vor Terrorismus und ist nicht seine Quelle." <BR><BR>Thesen, wie an die Wand geschlagen, mit denen die Marketingstrategen aus der Türkei werben für eine kritische Serie von Büchern und Videos, darunter "Der Islam verurteilt den Antisemitismus" von Harun Yahya. Gewiss, die notwendige Wissensoffensive (siehe oben) schließt die Kenntnis der Religionen ein. Aber Pisa hin, Bildung her: Die schönsten Programme und Aktionen fallen wie Kartenhäuser in sich zusammen, sobald Dieter Bohlen den Schauplatz Buchmesse betritt. Am Stand des Münchenr Heyne-Verlages war gestern die Hölle los. Da kamen selbst coolste Bücherdamen ins Schwitzen.<BR> 

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