News-Ticker zum Barcelona-Terror: Zahl der Todesopfer auf 15 gestiegen

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Wir sind das Buch

- An jenem Tag, als die EU-Außenminister die Beitrittsverhandlungen mit Kroatien absagten, weil die kroatische Regierung die Kriegsverbrecher-Auslieferung an den Europäischen Gerichtshof verhindert, wurde beim Festakt zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse am Mittwochabend die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulic mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung geehrt.

<P class=MsoNormal>Monatelang hatte sie als Zeugin der Anklage im Gerichtssaal von Den Haag gesessen, hat den Verbrechern, die während der Balkan-Kriege im ehemaligen Jugoslawien das Leid Hunderttausender zu verantworten hatten, in die Augen geschaut, ihre Physiognomien studiert. Und - ähnlich wie einst Hannah Arendt - festgestellt: Die Mörder und Folterer sind unter uns. Sie sind erschreckend normal, sie könnten Verwandte, Bekannte, Freunde sein.</P><P class=MsoNormal>In Kroatien gilt sie als "Nestbeschmutzerin"</P><P class=MsoNormal>"Keiner war dabei" heißt das Buch (auf Deutsch erschienen im Zsolnay Verlag), in dem Slavenka Drakuli´c ihre Beobachtungen und Erlebnisse minutiös und erkenntnisreich festgehalten hat. In dem sie der Frage nachgeht, wie aus Nachbarn Mörder werden können. Wie wird einer, was er im Krieg geworden ist? Ihr Buch ist eine Anatomie des Bösen. Und was ist das Böse? Für Slavenka Drakuli´c "die Abwesenheit von Mitgefühl".</P><P class=MsoNormal>In ihrer Heimat gilt die couragierte Schriftstellerin als "Nestbeschmutzerin". Zehn Jahre nach der offiziellen Beendigung des Balkan-Krieges, mit dem Abkommen von Dayton, will es keiner gewesen sein, trägt plötzlich, so Drakuli´c, niemand mehr die Schuld für den Krieg. "Niemand war verantwortlich für 200 000 Tote und zwei Millionen Flüchtlinge und Vertriebene. Niemandes Armee hatte Kriegsverbrechen begangen, außer selbstverständlich der Armee des anderen." Eine Tendenz zum "Instant-Vergessen" habe sich breit gemacht und die "vollständige Abwesenheit von Gewissen und Moral".</P><P class=MsoNormal>Eine Erfahrung, die wir Deutsche aus der Zeit nach 1945 kennen und die jetzt die 55-jährige Kroatin illusionslos und schmerzhaft für ihr Land konstatieren muss. Dass sie sich diesen Tatsachen stellt, und zwar auf eine so umfassende, aufrichtige, schonungslose wie ergreifende Weise, macht Slavenka Drakuli´c zu einer würdigen Empfängerin des Leipziger Buchpreises für Europäische Verständigung. Laudator Hans Koschnick, in den 90er-Jahren EU-Administrator in der bosnischen Stadt Mostar, lobt denn auch Drakulics Buch als eines, "das in besonderer Weise dafür geeignet ist, Unruhe zu stiften". Und Bezug nehmend auf die deutschen Schlussstrich-Debatten mahnt er: "Wer sich des Vergangenen nicht erinnert, ist dazu verdammt, es noch einmal zu erleben."</P><P class=MsoNormal>Die Beziehung zu Deutschland stellt auch die Preisträgerin in ihrer Dankrede her, die sie überschreibt mit "Mein Deutschland: Von Karl May bis Karl Jaspers". Darin schlägt sie einen kühnen Bogen von dem Lieblingsschriftsteller ihrer Kindheit, dem ersten Deutschen, "den ich lieb gewonnen habe" und den sie nach der offiziellen antideutschen Nachkriegsstimmung nicht hätte lieben sollen, bis zu jenem Philosophen, der sich nach 1945 mit der Frage der deutschen Schuld auseinander gesetzt hat: "Die Schuldfrage ist mehr noch als eine Frage seitens der anderen an uns eine Frage von uns an uns selbst." Ein Satz, mit dem die Autorin in ihrer Studienzeit konfrontiert wurde. Ebenso wie mit Jaspers Bekenntnis, dass wir "zuerst Menschen und dann Deutsche sind".</P><P class=MsoNormal>Diese Thesen haben Drakuli´c in den 70er-Jahren geholfen, den Unterschied zwischen Ideologie und Wirklichkeit zu erkennen. Aber genauso, sich die kritische Haltung ihrem eigenen Volk gegenüber anzuerziehen. Heute weiß sie, dass ohne Kollaboration kein autoritäres Regime bestehen kann, dass die Kollaboration, also die Passivität und das Zulassen eines nationalistischen, auf "ethnische Säuberung" bedachten Regimes, sich noch lange nach dessen Beseitigung der Wahrheit in den Weg stellt.</P><P class=MsoNormal>Darum sucht die Preisträgerin in ihrem Buch, Schuld und Verantwortung zu individualisieren. Ihre Entscheidung, so sagt sie in ihrer auf Kroatisch gehaltenen, bemerkenswerten Leipziger Dankrede, jene Kriegsverbrecher im Buch mit Namen und Familiennamen zu nennen, verdanke sie Karl Jaspers. In dessen Werk habe sie Folgendes gelesen: "Es ist aber sinnwidrig, ein Volk als Ganzes eines Verbrechens zu beschuldigen. Verbrecher ist immer nur der Einzelne. Es ist auch sinnwidrig, ein Volk als Ganzes moralisch anzuklagen. Es gibt keinen Charakter eines Volkes derart, dass jeder Einzelne der Volkszugehörigen diesen Charakter hätte . . . Ein Volk als Ganzes gibt es nicht." Slavenka Drakuli´c: "Und so ging ich nach Den Haag und schrieb ,Keiner war dabei. Dank Jaspers, einem Deutschen und seinem Buch über die Schuld, die - wie sich fünfzig Jahre später herausstellte - keineswegs ein exklusiver Besitz der Deutschen war."</P><P class=MsoNormal>Fünf Prozent mehr Aussteller als 2004</P><P class=MsoNormal>Die Leipziger Buchmesse - das machte ihr nobler Auftakt im Gewandhaus klar - ist eine politische Messe und das Buch im besten Fall ein Politikum. Dass es das in erster Linie schon immer war, davon zeugt einer der Schwerpunkte der Bücherschau: das Schiller-Forum anlässlich des 200. Todestages des Dichters. Im Mittelpunkt stehen ferner osteuropäische Literatur, der Balkan sowie "Jüdische Lebenswelten". Es werden weitere Buchpreise vergeben (für Belletristik: Teré´zia Mora, Sachbuch: Rüdiger Safranski, Übersetzung: Thomas Eichhorn), und das Motto "Leipzig liest" übertrifft mit der Zahl der Veranstaltungen alle Erwartungen. Dazu gesellt sich als Parallelreihe "Leipzig hört"; denn die Messe hat sich mittlerweile zur größten europäischen Präsentation der Hörbuch-Verlage gemausert. Weitere Superlative: 2145 Verlage - das sind fünf Prozent mehr als 2004 - aus 30 Ländern, rund 1000 Autoren bei 1500 Lesungen und, so wird gehofft, über 100 000 Besucher. Leipzig liest, Leipzig hört, Leipzig kann sich vor allem sehen lassen. Zum Beispiel mit dem aktuellen Slogan der Stadt: "Wir sind das Buch".</P>

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