Wir sind Diener der Kunst

- 100 Tage ist Christiane Lange, Jahrgang 1964, nun Direktorin in der Münchner Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung und damit Nachfolgerin von Johann Georg Prinz von Hohenzollern. Ihre Präsentation und damit der Generationen- sowie Geschlechterwechsel im vergangenen Winter ging etwas unter in der Eröffnungsfeier zur Larsson-Ausstellung. Ihren ersten Chefinnen-Auftritt hatte sie dann bei der Schau "100 Jahre ,BrückeâEuro™", die gerade zu Ende ging.

Was bedrängt Sie zurzeit am meisten?

Christiane Lange: Jetzt liegt mir natürlich "Zurück zur Figur - Malerei der Gegenwart" am Herzen. Am wichtigsten ist immer die nächste Ausstellung (2.6.-13.8.). Sie ist auch deswegen brisant, weil bei zeitgenössischer Kunst ja stets befürchtet wird, dass die Schau nicht so erfolgreich ist. Mann muss den Spagat machen: Wir sind nicht ganz experimentell, sondern bieten Überblickspräsentationen. Gerade ist das Phänomen Malerei en vogue. Das versuchen wir, für die Kunsthalle aufzubereiten. "Zurück zur Figur" gab es schon in den 1920er-Jahren; und die Figuration ist nie abgerissen. Deswegen wollen wir einen Dialog zwischen Kindern, Vätern und Großvätern, also 1919 bis 1979, führen.

Sie waren seit 2000 Kuratorin am Haus - fühlt man sich als Chefin anders?

Lange: Bislang ist es vor allem die Doppelbelastung, die ich merke: Direktorin und Kuratorin. Dann jede Menge Personalgespräche. Ich habe nun den Holländer Roger Diederen als Kurator. Er kommt vom Dahesh Museum of Art New York. Wichtig war mir, dass er sich im Bereich Altkunst auskennt und internationale Kontakte hat.

Populäres, aber nichts Populistisches in der Kunsthalle...

Lange: Die Art des Programms wird sich nicht verändern. Ich stehe dafür. Es hat mir immer Spaß gemacht, die Expositionen zu inszenieren. Es ist toll, wenn Menschen sagen: Ich besuche alle ihre Ausstellungen und verlaufe mich doch immer wieder in den Räumen. Das heißt doch, alles wirkt wie neu. Wir sind Diener der Kunst und müssen ihr zu ihrem Auftritt verhelfen. Ein großes Werk braucht auch eine gute Nachbarschaft. Mit einer grellweißen Wand können Sie ein Bild erschlagen.

Sie sind als Frau in die Führungsriege aufgestiegen - immer noch ungewöhnlich in der Museumslandschaft.

Lange: Egal in welchem Beruf, als Frau muss man doppelt präsent sein. Und man muss auf irgendetwas verzichten. Ein Mann in meiner Position, hätte Frau und Kinder; ich habe auf Kinder verzichtet. Bringt man Kinder und Karriere doch unter einen Hut, muss etwas anderes dran glauben - Freunde, kulturelles Leben. Es ist eine grundsätzliche Tatsache: Frauen verzichten auf irgendetwas. Von der Außenwelt her habe ich's positiv erwischt, einen Frauenbonus: Kanzlerin Merkel et cetera. Tatsache ist, die "Schere" klafft unglaublich auseinander. Kunstgeschichte studieren fast nur Frauen, und Museumsdirektorinnen gibt es vielleicht zehn Prozent.

Die Pläne für 2007?

Lange: Es beginnt mit "Jawlensky - die Münchner Jahre". Da arbeiten wir ganz pragmatisch mit der Kunsthalle Emden zusammen. Wenn die den "Jawlensky" übernimmt, bekommen wir Meisterwerke aus der Sammlung Henri Nannen. Die lang geplante Skythen-Ausstellung kommt endlich - von Berlin zu uns. Das ist im Herbst. Dazwischen präsentiere ich Meisterwerke aus der Sammlung Krugier. Der Galerist, der in Genf wohnt, ist ungarischer Jude. Jan Krugier hat Auschwitz überlebt. Seine Sammlung ist großartig. Die Gemälde sind vor allem 19., 20. Jahrhundert von Ingre über Picasso bis Bacon. Dadurch lassen sich schöne Beziehungen entwickeln.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger

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