Wir sind Gral

Bayreuth - Knappertsbusch wäre selig gewesen. Nur unter einer Bedingung wollte er, der Gralshüter des Bayreuther Dirigierpults, seinerzeit zurück in den Graben: ohne finale Heilig-Geist-Taube kein "Parsifal". Wieland Wagner zeigte den Vogel zähneknirschend, doch allein sichtbar für den traditionalistischen "Kna".

Und Anno 2008? Erstrahlt das Tier gleißend am Bühnenportal, erhellt das Haus, auf dass sich die Premieren-Gemeinde im riesigen runden Spiegel, der sich auf die Szene gesenkt hat, erblickt. Der Spiegel wird zur langsam rotierenden Weltkugel, schickt Strahlen ins Parkett, während die Chöre vom "höchsten Heiles Wunder" künden. Und noch ehe der Schlussakkord verklingt, platzt der Jubel los und wird nach Schnäuztüchern gekramt. Wir sind Gral: Ist es das also, das Bayreuther "Parsifal"-Wunder?

Fast alle hat er sie herumgekriegt. Und das, obwohl Regisseur Stefan Herheim ja der Ruf des Berserkers vorauseilt. In Salzburg etwa musste er Mozarts "Entführung" auf Intendantenbefehl nachbessern - das Infarktrisiko im Publikum schien zu hoch. Zum Start der Bayreuther Festspiele bietet der Norweger nun "Parsifal" mit allem. Mit Vorgeschichte, mit Zeitgeschichte, mit Religionsgeschichte, mit Inszenierungsgeschichte. Und natürlich: mit Bayreuther Geschichte.

Wahnfried ist der mythische und doch so reale Spielort dieses "Weihfestspiels". Zwischen Richards Grab, das über den Bühnenrand in den Graben ragt und den Gralskelch beheimatet, und einem Bett, auf dem Mutter- und allerlei andere Komplexe ausgelebt werden, sowie dem kreisrunden Brunnen entwickeln sich diese knapp fünf Musikstunden.

Fünf, weil Daniele Gatti einen der langsamsten "Parsifals" der Festspielgeschichte dirigiert. Mit lähmenden Tempi schleppt sich die Interpretation dahin. Anfangs unterlaufen dem weltweit erfahrensten Wagner-Orchester sogar Unschärfen. Die Bläser bringen mit Mühe und Piano-Tricks ihre Phrasen über die Runden, die (wie immer famosen) Chöre treiben ständig an, doch Gattis Deutung tritt selbstverliebt und profilarm auf der Stelle. Was andernorts und ohne Schalldeckel besser funktionieren mag, diese entspannt-druckfreie, nie schwitzende Lesart, kann sich im Festspielhaus nicht entfalten. Zumal "Parsifal" eben auch ein Konversationsstück bleibt: Wenn Gurnemanz mehrfach nachatmen muss, um einen Satz zu Ende zu bringen, wird der Sänger zur Vokalbeilage. Immerhin werden alle kaum zum Forcieren gezwungen.

Wie sich dieser "Parsifal" überhaupt durch schlanke, durchwegs kultiviert geführte Stimmen auszeichnet: Kwangchul Youn, als Gurnemanz ganz typengerecht gezeigt als höflicher Butler, singt mit schönem, dezentem Raufaser-Bass. Mihoko Fujimura gibt eine kühle, sehr dunkel gefärbte und in den Höhen verknappte Kundry abseits des Salonschlangen-Klischees. Auch Christopher Ventris (Parsifal) verlässt sich auf die lyrischen Qualitäten seines hellen, offenen Tenors: ein sympathischer, zurückhaltender Held, in dessen Singen sich stets ein zärtlicher Beiklang mischt. Thomas Jesatko wiederum bietet eine plastische, nie zu grelle Klingsor-Studie - und die genaueste Diktion des Abends.

Gattis Leerstellen-Dirigat setzt Herheim szenische (Über-)Fülle entgegen. Beginnend beim Vorspiel, in dem die sterbende Herzeleide und damit Parsifals Muttertrauma gezeigt wird, fächert sich die Regie vieldimensional auf. Herheim beginnt im Wilhelminismus, lässt zur Gralszeremonie Landser des Ersten Weltkriegs aufmarschieren, siedelt den zweiten Akt im Lazarett an, in dem der bestrapste Klingsor und Kundry als Marlene-Dietrich-Zitate erscheinen, und schreitet voran ins Neu-Bayreuth der 50er. Immer wieder auch tauchen Anspielungen auf Grüner-Hügel-Inszenierungen auf. Am deutlichsten im Gralstempel der Uraufführung, dezenter in der "Bayreuther Scheibe" und im Finalbild des Bundestags, der an Wieland Wagners "Meistersinger" erinnert. Doch im Fortgang der Zeitläufte gibt es Kontinuitäten. Die Engelsflügel etwa, die den Figuren eine poetische Aura verleihen. Auch die messianische Figur des Amfortas, der von Detlef Roth mit starker expressiver Prägnanz gestaltet wird. Der Matrosenanzug des Titelhelden, der in mehrfacher Gestalt - als Kind und reifer Held - auftritt. Oder das Tier überm Portal: anfangs ein Schwan, dann Reichsadler, später Nazi-Vogel, der krachend zu Boden stürzt.

"Warum?", das wäre die falsche Frage in Herheims Inszenierung. Denn der arbeitet weniger mit eindeutigen Kausalzusammenhängen, sondern assoziativ. Ein Alleserklärer, Allesberücksichtiger, der mit der Erlösung und anderen Themen, Träumen und Traumata spielt, sie mitschwingen lässt, anstatt sie auszuführen. Am stärksten im Vorspiel und im ersten Akt, am faszinierendsten im dritten Aufzug.

Aber fünf Stunden, das scheint für Herheims Zeitreise in den phänomenalen Bühnenbildern von Heike Scheele und den kongenialen Kostümen von Gesine Völlm doch zu wenig: Das "Dritte Reich" wird mit Hakenkreuzfahnen schnell abgehakt, erschöpft sich im hastigen, platten Realismus. Und irgendwann passiert das, was jeder Fotograf kennt: zu viele (thematische) Überblendungen - das Bild wird unscharf.

Dass die Aufführung dennoch eindrücklich ist, dass sie fast Buh-frei gefeiert wird, liegt nicht nur am dritten Akt, bei dem Deutschlands "Stunde null" und das Tasten in die neue Zeit unter dem Bundesadler bestens mit Gestus und Inhalt des Stücks harmonieren. Es liegt auch an Herheims Stil, der trotz aller Querverweise nie dramaturgisch dürr wird. Dieser "Parsifal" ist ein unerhört theatrales und sinnliches, intelligentes und oft sehr berührendes Ereignis. Eine Inszenierung, modern und zugleich verführerisch, die Orthodoxe oder Regietheaterjünger zusammenführt. Nicht nur um Erlösung kreist daher diese Aufführung, sondern auch um Versöhnung. "Parsifal" mit allem - und für alle.

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