Wir sind nicht das KaDeWe

- Seit 2002 ist Dieter Kosslick Leiter des wichtigsten deutschen Filmfestivals, der Berlinale. Seit seinem Amtsantritt hat er die Zusammenarbeit der verschiedenen Sektionen stark verbessert. Zugleich muss er mit massiven Finanzkürzungen leben. Die Folge: Ein Berlinale-Tag wurde gestrichen, und zehn Prozent weniger Filme werden gezeigt. Dennoch viel Auftrieb. Am Donnerstag, 5. Februar, ist Eröffnung.

<P>Ihre dritte Berlinale steht bevor. Was war für das Programm der Berlinale, besonders für den Wettbewerb in diesem Jahr wichtig? Nach welchen Kriterien suchen Sie die Filme aus?<BR><BR>Kosslick: Jeder Film muss etwas ganz Spezielles haben. Das können Schauspielerleistungen sein, die Regie und die Art der Inszenierung, die Geschichte - manchmal auch alles zusammen. Dann gibt es natürlich in jedem Jahr Themen, die sich herauskristallisieren. Wir wollen verstärkt nach Lateinamerika blicken; dort gibt es derzeit eine Reihe von besonders guten Filmen.<BR><BR>Diese Berlinale wird die erste sein, bei der Sie mit vielen Institutionen von außen kooperieren. Sie arbeiten mit dem Hebbel-Theater und der Philharmonie zusammen...<BR><BR>Kosslick: Wir haben auch den Talent-Campus, das Einstein-Forum, die American Academy, die Friedrich-Ebert-Stiftung, das Haus der Kulturen der Welt. Und auch im anderen, kommerzielleren Bereich: Die Bunte, die Gala... Doch bevor Sie jetzt sagen, der macht aus der Berlinale ein KaDeWe, antworte ich: Nein, wir werden nur breiter in unseren spezifischen Kooperationen. Wir probieren auch einiges aus.<BR><BR>Muss das ein Festival heute tun? Der Einwand liegt nahe, dass die Filme selbst tendenziell unwichtiger werden.<BR><BR>Kosslick: Naja. Wenn Sie die Andachtskapelle in Andechs mit dem Katholischen Kirchentag vergleichen, dann ist die Berlinale der Kirchentag für die audiovisuelle Gemeinde. Hier kann man auch erleuchtet werden. Die Berlinale ist eines der größten Medienevents zumindest in Deutschland. Wir müssen ein Programm machen, das mit den Filmen auch gesellschaftspolitisches Bewusstsein fördert, das den Nachwuchs fördert: Es gibt den Talent-Campus und die "Perspektive Deutsches Kino". Und wir müssen ein Fest für alle unterschiedlichen gesellschaftlichen Zielgruppen sein. Glanz und Glamour gehören hier genauso dazu, wie intellektuelle Auseinandersetzung.<BR><BR>Ist diese Kooperation mit neuen Partnern auch aus finanziellen Gründen nötig geworden? Schon 2003 mussten Sie sparen...<BR><BR>Kosslick: Sparen müssen alle. Ohne die Kooperationspartner und Sponsoren könnten wir die Berlinale auf diesem Niveau nicht halten. Also: Wir klagen nicht. Wir schreiben auch keine roten Zahlen, sondern wir wirtschaften gut und sehen zu, dass das keiner zu stark spürt, der aufs Festival kommt. Bei den Buffets habe ich schon gekürzt, obwohl für einige die Buffets das Wichtigste sind.<BR>Solange Sie nicht die Filme reduzieren...<BR><BR>Kosslick: Nein, das tun wir nur da, wo es zu viele waren. Wir hatten 400 und haben jetzt 360 - das reicht; mehr kann sowieso kein Mensch ansehen.<BR><BR>Stichwort deutscher Film: Wie ist der vertreten?<BR><BR>Kosslick: Neben dem Karmakar-Film "Die Nacht singt ihre Lieder" gibt es noch "Gegen die Wand" von Fatih Akin im Wettbewerb. Mit zusammen 56 Produktionen in allen Reihen und Sektionen bekommt der deutsche Film die stärkste Präsenz auf der Berlinale bisher.<BR><BR>Aber im Wettbewerb sind nur zwei Filme. Mit vier hatten Sie angefangen. Absteigende Tendenz?<BR><BR>Kosslick: Die absteigende Tendenz ist nur scheinbar. Wir hätten ganz gerne drei gezeigt, aber das klappte nicht. Wir haben ein wenig Pech, weil nicht alles fertig ist. Wenn die Berlinale dieses Jahr im Juni stattfinden würde, hätten wir, schätze ich mal, mindestens fünf deutsche Filme im Wettbewerb.<BR><BR>Was haben Sie, abgesehen von Auswahlfilmen, noch im Kino gesehen? Was mögen Sie, welche Tendenzen im Weltkino sind Ihnen wichtig?<BR><BR>Kosslick: "Lost in Translation" von Sofia Coppola ist ein ganz großartiger Film. Ich schätze neben den großen Filmen auch die kleinen, besser gesagt: den "kleinen großen Film" mit riesiger Schlagkraft. Wir haben sehr viele Filme dieser Art gesehen. Die haben wir auch im Wettbewerb. Da kommen die neuen Talente her. Diese Filme zu programmieren, braucht man etwas Mut, denn sie sind natürlich nicht immer perfekt. Unser Blick geht dieses Jahr besonders nach Afrika und Lateinamerika. In den vergangenen Jahren waren diese Länder bei der Berlinale etwas unterbelichtet. Da sind wir - um mit der Börsensprachen zu reden - dieses Jahr gut aufgestellt.</P><P>Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland<BR></P><P> </P><P> </P>

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