Interview zur Premiere

Wir sind nicht das Sozialamt

München - Eine der armseligsten Existenzen der Theatergeschichte wendet sich die Bayerische Staatsoper zu. „Wozzeck“, Alban Bergs Vertonung von Georg Büchners Dramenfragment, hat dort am kommenden Montag Premiere.

Regie führt Andreas Kriegenburg. Zugleich ist dies die erste Premiere von Generalmusikdirektor Kent Nagano in der Ära von Neu-Intendant Nikolaus Bachler.

-Peter Konwitschny hat vor seiner Hamburger „Wozzeck“-Regie gesagt, es passe nicht zusammen, wenn die Ausstattung für diese Oper teurer ist als das, was der Titelheld in seinem ganzen Leben verdient hat. Ist eine „Wozzeck“-Aufführung also verlogen?

Bachler: Diese Haltung ist grundfalsch. Ein Argument des real existierenden Sozialismus. Es geht nicht darum, dass wir uns ärmer als der Wozzeck machen. Sondern darum: Wie zeigen wir das, was Wozzeck ausmacht und was uns Menschen dabei bewegt und erschreckt? Sonst wären wir ja das Sozialamt und nicht die Bayerische Staatsoper.

-Aber es dürfte doch Folgendes passieren: Manch einer schaut sich den „Wozzeck“ an, geht nach Hause, genehmigt sich auf dem Sofa einen guten Wein und denkt sich: Gottlob gibt’s bei uns die Sozialhilfe und Hartz IV.

Bachler: Das ist ein Grundproblem von Kunst. Bei „La traviata“ passiert ja dasselbe. Wir wissen aber auch, dass es die Kunst oft genug erreicht, die Menschen durchlässiger und sensibler zu machen. Wenn das gelingt, ist unser Auftrag erfüllt. Ein „Wozzeck“ muss berühren.

-Ist die Oper „Wozzeck“ ein typisch deutsches oder österreichisches Werk?

Nagano: Es ist ein besonderes Stück. Neu in seiner meisterhaften Konzeption, aber nicht extrem avantgardistisch. Die Strukturen knüpfen an die Tradition der Oper des 19. Jahrhunderts an, auch an bekannte musikalische Formen. „Wozzeck“ ist auch nicht unbedingt zwölftönig, eher freitonal. Berg fand hier zu seiner persönlichen Sprache und verknüpfte sie mit diesem unglaublich starken sozialkritischen Inhalt. Es ist wie bei Beethoven: Was hat er wirklich neu konzipiert? Sein Material war bekannt. Aber wie er damit umging, verrät den Meister. Das ist nicht deutsch oder österreichisch.

Bachler:Die Büchner’sche Vorlage ist ein deutscher, fast lokaler Stoff. Ohne den hessischen Hintergrund wäre das Stück nicht vorstellbar. Thomas Bernhard schreibt ja auch nicht Wienerisch, ist aber ohne das Wienerische nicht denkbar. Berg wiederum ist in keinster Weise Wienerisch infiltriert wie etwa Mahler. Bis dahin gab es fast keinen außereuropäischen Einfluss auf die europäische Musik. Berg hat irgendwie alles aufgerissen.

-Brauchte das Büchner-Stück eine solche Musik? Oder wäre auch ein italienischer Verismo-Meister denkbar gewesen?

Bachler:Schrecklich wäre das gewesen. Der direkte Weg in die Soap-Opera. „Wozzeck“ konnte nur so geschrieben werden.

Nagano: Der Zeitkontext ist eben wichtig. Berg hat das Stück direkt nach dem Ersten Weltkrieg geschrieben, nach einer neuen Erfahrung für die menschliche Zivilisation und vor allem nach seiner persönlichen Erfahrung als Soldat.

-Worauf muss ein „Wozzeck“-Dirigent am meisten achten?

Nagano: „Wozzeck“ ist natürlich hochkomplex. Das Orchester muss virtuoso spielen. Es gibt eine Art Haupt-Symphonieorchester, ein Kammerorchester und die Bühnenmusik. Alle drei Komponenten sollten in ihrem jeweiligen Klangspektrum perfekt zusammenwirken. Perfektion reicht aber nicht, Ausdruck und Leidenschaft müssen noch dazukommen. Ergebnis ist im Idealfall eine Art Freiheit. Berg schreibt für die Sänger in der Partitur „ganz frei“ – und konfrontiert sie dann mit einer großen Anzahl von Vorschriften. Freiheit ist hier also relativ (lacht).

-Ist der „Wozzeck“ überhaupt ein Zeitstoff? Oder berühren die Altersprobleme einer „Rosenkavalier“-Marschallin die Menschen nicht eher?

Nagano: Man muss bei diesem Stück abstrahieren und die Grundprobleme erkennen, unabhängig von der Zeitgebundenheit.

Bachler: „Wozzeck“ ist wie eine Versuchsanordnung: Was passiert mit Menschen, wenn sie solcher Unterdrückung ausgesetzt sind? Andreas Kriegenburg ist daher klug genug, das Stück in seiner Zeit zu belassen. Der Grundkonflikt ist viel stärker etwa als in „La Bohème“.

-Dann muss es Sie ja in die Verzweiflung treiben, dass die Menschen immer nur die „Bohème“ wollen.

Bachler: Es müsste mich dahin treiben, wenn ich Intendant in San Francisco wäre. Weil ich es nicht finanzieren könnte aufgrund des Sponsorensystems.

Nagano: „Wozzeck“ hat sich in jüngerer Zeit seinen Platz erobert und wird immer häufiger aufgeführt. Eine positive Entwicklung. Auch weil die Orchester immer besser mit solchen Partituren zurechtkommen. Es gibt fast nichts Unspielbares mehr. Was nicht bedeutet, dass dabei immer automatisch eine starke Vorstellung herauskommt. Im Übrigen haben wir in München ein sehr offenes Publikum.

-Was die Nachfrage betrifft: Kann es sein, dass auch die Staatsoper durch die aktuelle Finanzkrise Probleme bekommt?

Nagano: Wir brauchen ein vielfältiges Repertoiresystem und müssen es verteidigen – aber nicht um seiner selbst wsillen. Wir müssen immer zeigen, dass unsere Produktionen auch von Relevanz sind und dürfen nicht einfach nur nach Aufführungsziffern streben.

Bachler: Für Theater und Oper fürchte ich nichts. Gerade in schlechten Zeiten war die Kunst besonders gefragt. Außerdem: Der vergleichsweise kleine Schutz des Staates für die Kunst entfaltet ja überdimensionale Wirkung. Was bei der Bayerischen Landesbank gerade verbraten wurde, reicht für 100 Jahre Bayerische Staatsoper.

-Werden Sie, Herr Nagano, an der Staatsoper eigentlich mehr Moderne dirigieren, zum Beispiel Messiaen?

Nagano: Herr Bachler und ich führen darüber intensive Diskussionen.

-Wird also Ihre Zusammenarbeit fortgesetzt?

Bachler: Das spüren Sie doch, oder? So wie wir jetzt miteinander umgehen, gibt es da keine Gegen-Indizien.

Nagano: Ich kann nur sagen: Es ist sehr, sehr harmonisch

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