Wir sind an uns selber schuld

- Der Starke überlebt den Schwachen, hat Charles Darwin in seiner Evolutionstheorie der "Natürlichen Auslese" gesagt. Dass genetische Stärke auch ethische Weisheit bedeuten muss, hat er nicht behauptet. Und so gibt sich auf der Bühne des Theaters im Haus der Kunst zwischen Tisch, Stuhl, Bank und einem kohleschwarzen Halbkugelberg ein befremdlich gestörter Haufen letzter Menschen ein sarkastisches Stichwort nach dem andern.

Man freut sich über einen Terroranschlag, finanziert durch die Leihmutterschaft für ein arisches Baby, welches das Gen eines hyperintelligenten Urzeit-Menschen in sich trägt. Den entdeckte soeben ein geistesarmer walisischer Ausgrabungs-Praktikant in der Kohlebergwerksbrache seines Heimatstädtchens. Doch wie es aussieht, hat ihn unser eigener Vorfahr dummerweise einstmals ausgerottet. "Evolutionäre Sackgasse", sagt die Archäologin Helen dazu.

Wir sind an uns selber schuld, grinst der Neo-Darwinist Paul Jenkins in seinem Stück "Natürliche Auslese". Das feierte jetzt im Münchner Haus der Kunst in der Regie von Antoine Uitdehaag seine (nur leicht gekürzte) Uraufführung. Ein schwarzspaßiger Nonsens. Doch mit genialischen Ambitionen. Obendrein das Deutschland-Debüt seines Autors: Denn von den acht Dramen des 1971 geborenen Londoner Autors, Schauspielers und Regisseurs ist dies das erste an hiesigen Theatern.

Globaltourismus und -terrorismus, Genmanipulation und Konformismus, Neo-Faschismus und die sich selbst in den Schwanz beißende Schlange der Political Correctness: In Jenkins‘ raffinierter rauer Satire, die im Mai für den Stücke\-markt des Berliner Theatertreffens ausgewählt war, strotzen die "fitten" Überlebenden nur so vor den verrückten Krankheiten unserer modernen Hamsterradgesellschaft. Darwin als Nostradamus des menschlichen Genoms.

In der weißen Geschlossenheit dieses Theaterraums stellt Antoine Uitdehaag die Identität suchenden Menschheits-Reste in einem künstlichen Szene-für-Szene-Versuchsaufbau aus. Er spart mit übermäßiger Regie-Exzentrik zugunsten des grotesken Textes: Auftritt, aberwitziger Dialog, Abgang und so fort. Nur zwei Figuren erleben in dem sich zuspitzenden Überlebenskampf eine Art Entwicklung, und nur diesen lässt auch Uitdehaag einen absurden Spielraum. Zum einen Joseph: Der gutherzige Finder des Skeletts, der unschuldige Kern allen Übels also, spricht nur Walisisch ­ oder was in Jan-Peter Kampwirths putzigem Schweizergriechisch davon übrig ist. Um das Besucherzentrum im knatschgrünen Dienstanzug global eröffnen zu können, muss er ironischerweise erst Englisch lernen. Bevor sein rechtsradikaler Bruder Vlad, den Johannes Allmayer mit der stoischen Härte eines britischen Hooligans spielt, der ganzen Veranstaltung den Gas-Tod aus der Sprinkleranlage beschert.

Josephs Vorgesetzter ist "Mr. Brain", der von der Therapie gegen seine "neurotische Entschlussschwäche" beherrscht wird. Köstlich vollzieht Stefan Hunstein die Wandlung zum aggressiven Tier, zum aalglatten Egoisten. "Kein Gedanke verschwendet an irgendeine objektive Wahrheit, nur der Mensch in all seiner Nacktheit und Verwirrung." Doch als er dann endlich beim denkenden Menschen und liebevollen Vater angekommen ist, befindet er sich inmitten einer Armee von Stoffäffchen-Klonen. Am Ende der "Natürlichen Auslese" nämlich hält Lena Dörrie als abgeklärte Leihmutter Mash ein neugeborenes Affen-Baby im Arm. "Kein Platz für Gott in Darwins Kirche", stellt Bruder Joseph als entwaffnende Pointe eines scharf geschriebenen, aber moderat inszenierten Abends lächelnd fest. Diese Menschheit hat sich selbst überlebt.

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