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Ihre Idylle zerbricht: Jennifer Lawrence als Ehefrau eines Dichters in „mother!“. 

Interview mit Darren Aronofsky zum Kinostart von „mother!“

Sind Sie ein Sadist, Darren Aronofsky?

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Für sein packendes Sportler-Drama „The Wrestler“ gewann er in Venedig den Goldenen Löwen, für die furiose Inszenierung seines Psychothrillers „Black Swan“ bekam er eine Oscar-Nominierung. Mit „mother!“ präsentiert Darren Aronofsky nun sein bisher düsterstes Werk. Wir trafen den Regisseur zum Gespräch.

Deauville – „mother!“, der neue Film von Darren Aronofsky, kommt am Donnerstag in unsere Kinos. 

Darren Aronofsky

Die Hauptrollen spielen Jennifer Lawrence und Javier Bardem. Beim Filmfestival von Deauville sprachen wir mit dem provokanten 48-jährigen Regisseur, Drehbuchautor und Umweltaktivisten.

„mother!“  ist ein ziemlich grausamer Höllenritt – für die Protagonistin wie für die Zuschauer. Sind Sie ein Sadist?

Darren Aronofsky: Ich  habe  nur versucht, ehrlich zu sein. Der Film ist eine Allegorie. Ich wollte wahrheitsgetreu schildern, wie wir mit unser aller Mutter umgehen.

Sie meinen Mutter Erde?

Darren Aronofsky: Mutter Erde, Mutter Natur – nennen Sie sie, wie Sie wollen. Tatsache ist: Wir beuten sie rücksichtslos aus, wir besudeln sie, berauben sie, schänden sie und hinterlassen eine Riesensauerei. Und zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit erkennen wir, dass ihre Großzügigkeit Grenzen hat. Seen werden zugemüllt, sterben ab und so weiter – ich muss wohl nicht ins Detail gehen, was den ganzen Irrsinn angeht, den wir verursachen. Man sieht ja derzeit an den Tropenstürmen in Mittelamerika, wie wütend Mutter Natur ist. Und ich bin es auch. Ich wollte das Publikum nicht beglücken, sondern wachrütteln.

Und warum die vielen biblischen Anspielungen in Ihrem Film?

Darren Aronofsky: Bevor unsere Spezies auftauchte, war die Erde ein Paradies. Aber dann beschloss Gott,  mit dem Menschen eine  Art Störfaktor in die Welt zu setzen – wie ein Zocker, der die Würfel in die Hand nimmt und sagt: „Mal sehen,  was  passiert.“ Das war der Ausgangspunkt für mein  Drehbuch. Ich habe Elemente  aus den großen Mythen der Schöpfungsgeschichte und der Apokalypse in einen Film verwandelt.

Wie haben Sie Jennifer Lawrence überzeugt, die geschundene Titelheldin zu spielen?

Darren Aronofsky: Ich schrieb die Rohfassung des Drehbuchs wie im Fieberrausch in nur fünf Tagen; Jennifer las das Skript und sagte sofort zu. Allerdings waren die Figuren in dieser Fassung noch nicht präzise charakterisiert, und ich wollte sie gemeinsam mit meinen Hauptdarstellern entwickeln. Also zog ich mich mit Jennifer und Javier Bardem drei Monate lang in eine Lagerhalle in Brooklyn zurück, um detailliert zu proben und mithilfe von Markierungen auf dem Boden den gesamten Film zu choreografieren. Was ich an meinem Beruf am meisten liebe, ist die Arbeit mit den Schauspielern – aber die macht in der Regel nur einen winzigen Teil meines Jobs aus. Bei „mother!“ habe ich mir quasi drei Monate Extra-Vergnügen erschwindelt.

In Ihren bisherigen Filmen spielte die Musik stets eine große Rolle. Diesmal gibt es überhaupt keine. Wieso?

Darren Aronofsky: Ich  habe monatelang mit dem „Arrival“-Komponisten Jóhann Jóhannsson gearbeitet, und er hat wunderbare Musik geschrieben, doch als wir sie unter die Bilder legten, merkten wir, dass es falsch war. Wir erzählen den ganzen Film ja konsequent aus der Perspektive der Titelfigur. Wie sie soll auch der Zuschauer permanent überrascht werden und sich nie sicher wähnen. Deshalb dürfen wir dem Publikum keinesfalls durch die Musik irgendwelche Hinweise geben, was es  fühlen  soll oder was gerade vor sich geht. Für mich ist Jennifer jetzt die wahre Filmmusik.

Was sagen Sie zu den wütenden Buhrufen bei der Weltpremiere gerade in Venedig?

Darren Aronofsky: Solche heftigen Reaktionen finde ich sehr aufregend – das ist mir viel lieber als lauwarmer Applaus. Ich versuche immer, Filme zu drehen, die das Publikum aus der Komfortzone reißen. Mit einem surrealistischen, symbolistischen Schocker wie „mother!“ schmeiße ich eine Art Handgranate hinein in die Popkultur. Das führt zwangsläufig dazu, dass manche davon fasziniert und andere davon abgestoßen sind. Wissen Sie, mein bisher persönlichster Film „The Fountain“ wurde bei seiner Uraufführung in Venedig völlig missverstanden und verhöhnt, ein paar Tage später in Deauville begeistert aufgenommen und seit einigen Jahren als Kultfilm gefeiert. Insofern besteht doch auch für „mother!“ durchaus noch Hoffnung! (Lacht.)

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