Sind Tenöre dumm, die Naiven beschränkt?

- Titel, Thesen, Temperamente: Wie eine Aufführung beschaffen ist, darüber entscheiden im aktuellen Theaterbetrieb in der Regel die Regisseure. Nichts dagegen zu sagen, so lange sie Intelligenz und das nötige Talent dazu besitzen. So lange sie nicht so dumm sind, sich für klüger zu halten als die Giganten der Weltdramatik. Man kann Shakespeare ändern, wenn man kann, sagte Brecht. Aber wer kann das schon! Doch gegen Dummheit, wusste nun wieder Friedrich Schiller, kämpfen Götter selbst vergebens. Also auch die Götter und Göttinnen der Bühnen, die Schauspieler und Schauspielerinnen, die Sänger und Sängerinnen. Oder nicht?

<P>Radikal gefragt: Sind Tenöre wirklich dumm, die jugendlichen Naiven beschränkt, die Heldendarsteller geistig verkümmert? Können sie etwa nicht lesen, nicht hören, nicht sehen? Können sie nicht widersprechen? Sind sie nicht in der Lage zu sagen: Büchner hat ein anderes Stück, Mozart eine andere Oper geschrieben? Die Personen im Stück verweigern sich, wenn ein Regisseur sie in seine enge Weltsicht, ins beschränkte Korsett seines starren Konzeptes quetschen will. Warum tun dies nicht ihre Darsteller? </P><P>Immer wieder kommt es vor - jüngstes Beispiel die Salzburger Festspiele -, dass man sich als Zuschauer fragt: Warum machen die auf der Bühne das alles mit? Sie sind doch nicht die Erfüllungsgehilfen so wild gewordener oder auch nur sich selbst stilisierender Spielleiter. Haben denn der junge Darsteller des Woyzeck oder die Sängerin der Blonde nie das Stück selbst gelesen, nie sich ein eigenes Bild von der Partitur gemacht? Warum verteidigen sie nicht ihre Rolle, warum nicht den Dichter oder Komponisten? Haben sie ihren Verstand in der Garderobe gelassen?</P><P>Es fehlt nicht an Intelligenz, es fehlt der Mut. Eine der Ursachen dieses Mangels sind die Schauspiel- und Musikhochschulen. Hier wird ihnen, überspitzt gesagt, der absolute Gehorsam gegenüber dem Regisseur anerzogen. Die jungen Menschen werden also eingestimmt auf das nach uralten feudalistischen Regeln funktionierende Theatersystem. Und dort geht es allgemein so zu: Wer aufmuckt, wird nicht wieder besetzt; wer sich widersetzt, nicht erneut engagiert. Der Woyzeck-Regisseur Michael Thalheimer, so eine Schauspieldozentin, sei in der deutschsprachigen Theaterlandschaft ein "angesagter" Mann; die jungen Leute würden es nicht wagen, hier künstlerischen Widerstand zu leisten.</P><P>Natürlich, sie sind ja froh, mitspielen zu dürfen. Aber die Verantwortung sich selbst und der eigenen darstellerischen Wahrhaftigkeit gegenüber bleibt dabei auf der Strecke. Denn - und das lässt sich an den ganz Großen des Fachs ablesen: Künstlerische Persönlichkeit entwickelt sich nur durch Widerspruch. Gisela Stein drückte es einmal so aus: Wenn man als junger Schauspieler gegebenenfalls nicht gleich nein sage, wird man es auch in späteren Jahren nicht lernen. Das mag zwar den schnellen Erfolg kosten; á´ la longue aber sind derart Unbequeme die Garanten für ein Theater über den Tag und die bloße Machart hinaus. Eine Existenzfrage.</P>

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