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„Auf ein Bier mit Ina Müller“ hatte die 47-Jährige ins Cinemaxx ihrer Heimatstadt Hamburg geladen.

Ina Müller: Singen, sabbeln, saufen

Hamburg - Die Frau hat Format: Ina Müller stellt ein neues Live-Album vor, macht Appetit auf ihre nächste TV-Staffel und rechnet mit RTL ab. Die Kritik:

Da steht sie im grellen Scheinwerferlicht und grinst schelmisch: Ina Müller. In waffenscheinpflichtigen High Heels, schwarzem Mini-Kleid, ein Bierglas in der einen, ein Mikro in der anderen Hand – und rockt die Bude. Schon beim ersten kehligen „Moin!“ ist die steife Kino-Atmosphäre im Hamburger Cinemaxx vergessen. „Was habt ihr eigentlich für Mördergeräte hier!“, stürzt sie sich auf die Presse-Fotografen in der ersten Reihe und hält feixend eine Kamera mit Riesen-Objektiv in die Höhe. Männer, die sich ein großes Auto kaufen, demonstrieren damit ihre Potenz, höhnt sie – auch wenn sie’s etwas derber formuliert. „Ist das bei euch Fotografen auch so?“ Gejohle im Publikum. Die Fotografen lachen mit.

Ina darf das. Die Hamburger Musikerin („Das wär dein Lied gewesen“) und Moderatorin („Inas Nacht“) hat einige hundert Fans unter dem Motto „Auf ein Bier mit Ina Müller“ eingeladen, um ihnen ihr neues Live-Album vorzustellen (siehe Kasten) und Appetit auf die neue Staffel der Kult-Sendung zu machen.

Das Erfolgsrezept der Grimme-Preisträgerin („singen, sabbeln, saufen“) wird auch diesmal streng eingehalten. Die erste Folge der etwas anderen Late-Night-Show – aufgezeichnet in der legendären Hamburger Hafenkneipe „Schellfischposten“ – gibt es am 20. Oktober ab 23.45 Uhr zu sehen. Die Gäste: TV-Moderator Kai Pflaume und Schauspielerin Jessica Schwarz. Diesmal hätten alle Wunsch-Kandidaten zugesagt, verrät Ina Müller. Und so dürfen sich die Zuschauer auf unterhaltsame Gespräche und Musikeinlagen unter anderem mit und von Schauspieler Olli „Dittsche“ Dittrich, Moderator Johannes B. Kerner, Schlagersänger Andy Borg, Comedian Bastian Pastewka, Ex-Boxer Axel Schulz und Schauspielerin Katja Riemann freuen. Auch eine Silvester-Sendung soll es geben – die Gäste stehen jedoch noch nicht fest.

Die Trinkgelage mit ihren Gästen sind legendär und kräftezehrend. Einen Tag Pause brauche sie zwischen den Aufzeichnungen, sagt Ina Müller. Diesen Tag verbringe sie schweigend mit viel frischer Luft und ohne Alkohol. „Also möglichst ohne Alkohol.“ Bei der Bierdeckel-Fragerunde – fester Bestandteil bei „Inas Nacht“ – erfahren die Fans dann Persönliches. Dass sie krankhaft den ganzen Tag über pfeife, in der Badewanne aber nicht singe, fünf Zahnpastasorten benutze, mit Bauch-weg-Höschen nicht auftreten könne („Die engen so ein.“) und sich ihr sportliches Engagement eher im Bereich Ritter-Sport bewege. Saufen und singen zu ihrer Beerdigung? „Nein, das möchte ich nicht“, sagt Ina Müller. „Ich will, dass ein bisschen geweint wird, wenn ich tot bin.“ Ein schmachtiges „Rolling home“ von ihrem Shanty-Chor, das käme eher in Frage.

Im Alter will die 47-Jährige auch ganz bestimmt nicht wieder zurück aufs Land. „Ich habe meine komplette Kindheit einsam im Laufgitter auf der Wiese verbracht, so möchte ich nicht sterben“, witzelt die Sängerin, die in einem kleinen Dorf bei Cuxhaven aufgewachsen ist. „Je älter ich werde, desto mehr will ich in die Stadt, wo das Leben pulsiert.“ So gerne sie mit Klischees spielt, so scharf kritisiert sie TV-Formate, die darauf abzielen. „Ganz scheußlich“, lautet ihr Urteil zur RTL-Sendung „Schwiegertochter gesucht“. Und auch die RTL-Kuppel-Show „Bauer sucht Frau“ sei schlimm. „Dass mein Familienstand so dargestellt wird, finde ich schrecklich“, sagt Ina Müller, deren Eltern selbst Landwirte waren. „So sind Bauern nicht, und so sehen die auch nicht aus. Das sind alles schlaue, hübsche Jungs.“

Wer in Schubladen denkt, hat seine Schwierigkeiten mit ihr. Ina Müller steckt so voller Gegensätze, dass einem beim Zuhören und Zuschauen schwindlig wird. Sekundenschnell katapultiert sie ihr Publikum von einem Lachanfall in tiefe Nachdenklichkeit. Da erzählt sie zotige Witze, echauffiert sich über frauendiskriminierende Werbung, um dann übergangslos den Schmachtfetzen „Fast drüber weg“ oder ihre plattdeutsche Ballade „Mama“ so gefühlvoll und stimmgewaltig zu singen, dass nicht nur ihr selbst Tränen in den Augen stehen.

Profi durch und durch, könnte man sagen. Alles gespielt, könnte man kritisieren. Da ist sicherlich etwas dran. Das ist schließlich ihr Job. Aber sie macht ihn gut. Ina Müller bewegt, sie regt auf, eckt auch gerne mal an, überschreitet Grenzen. Doch sie nimmt sich selbst nicht so wichtig, ist nicht aalglatt und abgehoben wie so viele andere in der Branche. Ina Müller ist eben mehr als eine dampfplaudernde Ulknudel. Sie hat Format und Stimme.

Stefanie Backs

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