Singerl-Revue

- Man hat sich das Leben ja so wunderbar eingerichtet. Zwischen Eichenholzvitrine und Marmorkonsole pflegt Immobilienmakler Wiesbeck (Rolf Kuhsiek) samt Gattin (Ricci Holt) die gepflegte und vor allem gehobene Langeweile. Die einzigen Höhepunkte sind die Besuche des Ehepaars Wimmers, Geschäftsfreunde und willkommene Konversationspartner auf dem Feld der "Upper Class"-Plattitüden. In diese "Idylle" und müde Gesellschaft platzt das Schicksal, und es hat einen Namen: Oma Dirnberger alias Power Paula ist aus dem Altersheim ausgebüchst, verbrachte einige Zeit unter den Brücken der Isar, bis zwei Polizisten die fluchende Dame bei ihrer Familie absetzen. Die ist überrumpelt und entsetzt. Doch viel Zeit zum Wundern bleibt nicht: Die Oma mischt gemäß dem Sprichwort "Ein junges Alter ist gut, eine alte Jugend taugt nichts" den Laden erst einmal gehörig auf.

<P></P><P>Erni Singerl spielt "Die Power Paula" im gleichnamigen Stück, und die Münchner Kleine Komödie am Max II bot eine wahre Singerl-Revue. Ob gerissen, gewitzt, unerschütterlich und vor allem g'standen, ob herrlich echt bairisch grantelnd wie als Haushälterin im "Monaco Franze" - es schien als hätten sich alle Rollen der 81-Jährigen zu einer, zur Power Paula, vereint. Und so riss die Grande Dame des Volksschauspiels sowohl im Penneraufzug als auch mit High Heels und Technoperücke das Publikum immer wieder zu Beifallsstürmen hin. Wunderbar auch Rolf Kuhsiek als der nordische Antipode, ein bösartiger, trockener und spießiger Schwiegersohn, der den "laufenden Meter" gerne in Würde altern sehen würde, aber vor dieser Invasion geballter Energie dennoch kapituliert.</P><P>Das Thema des Alterns, die Schwierigkeiten zwischen den Generationen und die daraus resultierenden kleinen Familientragödien hat Regisseur Christian Dorn witzig und pointenreich in Szene gesetzt. Einige Zoten sind überflüssig, aber dafür ließ die Dichte an Überraschungsmomenten bis zum Schluss keine Langeweile aufkommen. Viel wohlverdienter Beifall und Jubel für Regie, Ensemble und eine grandiose Erni Singerl.</P>

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