Sinn und Sinnlichkeit

- "Erichs Lampenladen" ist das nicht, was man jetzt im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses besichtigen kann. Aber Evans' Lampenladen, denn allerhand Lüster hat der Brite dort aufhängen lassen. Cerith Wyn Evans, 1958 in Wales geboren und in London lebend, wurde mit dem renommierten Internationalen Kunstpreis der Kulturstiftung Stadtsparkasse München 2006 ausgezeichnet.

Damit erhält nicht nur der Künstler -­ mittlerweile nach Jeff Wall, Rosemarie Trockel, James Coleman und Isa Genzken der fünfte Preisträger ­- 25 000 Euro, sondern auch die Erstellung des Katalogs wurde mit der gleichen Summe unterstützt: und damit eine erste echte Œuvre-Präsentation.

Schöpfer einer neuen Sprache

Der Preis führt also konsequent seine Zielsetzung fort, exzellente, eigenwillige Künstler zu ehren, die mit Anerkennung noch nicht zugeschüttet wurden. Evans ist zwar in den vergangenen fünf Jahren allenthalben auf Ausstellungen, inklusive Biennale und documenta, präsent gewesen, aber eine richtige Paukenschlag-Exposition wurde ihm noch nicht gewidmet. Das Lenbachhaus nimmt daher wieder einmal eine Vorreiterrolle ein ­ aktuell in Zusammenarbeit mit dem Musée d‘Art Moderne de la Ville de Paris. Wobei man hier in München mit einer "Choreographie" des Künstlers auftrumpfen kann, die er eigens für den Kunstbau geschaffen hat (Kuratorin: Susanne Gaensheimer). Die zwanzig Kronleuchter, die still in der Halle vor sich hin blinken, sind zusammen mit den zwanzig kleinen Flachbildschirmen an der einen Längswand akribisch in einen harmonisch lockeren Rhythmus komponiert.

Lampen im Museum sind ­ das wissen wir "Zuschauer" ­, wenn sie nicht auffallen, Beleuchtungsgegenstände, die der Kunst dienen, wenn sie auffallen, selbst Ausstellungsstücke. Evans‘ Lüster fallen auf. Weil sie tief gehängt sind, weil sie Riesen-Brummer sind ­ und weil es da noch diese Computerschrift gibt. ...-----..--....--. morsen sie stumm einen komplizierten Sachverhalt. Morsen die flackernden Lampen zurück oder im Einklang dazu? Jeder Kronleuchter, ob 60er-Jahre-Viel-Glühbirnen-Kugel oder traditionell venezianisch verschnörkelter Glas-Rausch, besitzt sein beredtes Hochtechnologie-Pendant. Auf dem mühen sich die Pünktel- und Strichelchen, stockend und zögernd schwierige Texte aus Poesie und Psychologie, Soziologie und Theater, Museum oder Sexualität zu übersetzen. Wir selbst stehen vor Englisch, Portugiesisch oder Französisch und kratzen aus unserem Sprachwissen Sinnzusammenhänge heraus; für die Morsezeichen können wir sie nur vermuten.

Cerith Wyn Evans ist von Zeichen und dem gigantischen Organismus, in dem sie leben, fasziniert. In den 70er- und 80er-Jahren waren es Experimentalfilme (vier davon noch bis Sonntag im Kunstverein zu entdecken), eher verkopfte "Erzählungen". Die Kargheit interessierte ihn bald nicht mehr, wie der Film selbst. Evans besetzte, möblierte quasi den Raum, bevor er in Neon-Schriftzeichen kryptische Sentenzen verfasste. Drei davon sind nun ebenfalls ausgestellt. Aber während diese scheinbar zu einer klaren Entschlüsselung herausfordern ­ und sie dann nicht zulassen, scheinen die Lampen überhaupt nicht auf Lesbarkeit zu pochen.

Sie sind, was sie sind; auch wenn sich auf ihnen kunstvoll drapiertes Glas als "Iris", "Rose" oder "Osterglocke" dechiffrieren lässt; auch wenn gestaltungshistorische Merkmale abgelesen werden können. Evans funktioniert die Lüster eben auch nur zum Schein um in Morseapparate ­ auf dass sie uns ins Grübeln bringen. Viel Schein, der vielleicht für ein bisschen Erleuchtung sorgt. Die wollen ja die vielen ernsthaften Artikel auf den Computer-Tafeln der Menschheit ebenfalls ermöglichen. Da hat einer Gedachtes "übersetzt" in Schriftsprache. Die müssen wir erlernt haben, um zu verstehen. Das "Rückübersetzte" seinerseits muss erst als Bedeutungs-Geflecht entschlüsselt werden. Was bei den komplexen Strukturen der wissenschaftlichen und künstlerischen Texte allein schon schwer ist.

Cerith Wyn Evans lockt uns (wie einst der Semiotik-Professor Eco mit seinem Krimi "Der Name der Rose") mit einer harmlos schimmernden Oberfläche. Sie muss nichts bedeuten, aber wer möchte, kann ihr Sinn einschreiben. Kann Objekte zu Text-Trägern machen wie Laut-Ketten, Kugelschreibertinten-Linien, Computersignale. Jeder Mensch ein Schöpfer (s)einer Sprache ­ zwischen Sinn und Blödsinn.

Bis 25.2.07, Tel. 089/ 23 33 20 02, Katalog: 29 Euro, weiterführende Infos zum Thema.

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