Sinnbild der Demokratie

München - Der Architekt Sep Ruf war ein Großer, Bedeutender. Aber auch ein Münchner, und die haben allzu oft das Problem, nicht in angemessenem Umfang anerkannt zu werden. Das heißt nicht, dass er keinen Erfolg hatte. Ruf baute seit 1931 bis zu seinem Tod viel - in Bayern, in der ganzen Bundesrepublik: vom Wohnhaus bis zur Kirche, von Büros bis zum berühmten Kanzler-Bungalow in Bonn (1963), den Ludwig Erhard so liebte.

Anlässlich des 100. Geburtstags von Franz Joseph Ruf (8. März), genannt Sep, hat das Architekturmuseum der Technischen Universität in seinen Räumen in der Pinakothek der Moderne eine wirklich umfassende Werk-Schau erarbeitet. Chef Winfried Nerdinger und seine Kollegin Irene Meissner haben die seit 1985 - Ruf starb am 29. Juli 1982 - erst zweite Einzelausstellung konzipiert. Zu Lebzeiten gab es weder Präsentationen noch Publikationen über das Schaffen Sep Rufs, "deswegen ist er kaum über Bayern hinaus bekannt, so wie es seinem Rang gebühren würde", erklärt Nerdinger. Und "ich wage die Aussage: Wenn der Wiederaufbau mehr in Rufs Richtung gegangen wäre, dann gäbe es heute keine so starke Ablehnung der Moderne in weiten Kreisen der Öffentlichkeit." Folgerichtig heißt die Exposition "Sep Ruf - Moderne mit Tradition".

Gerade in Oberbayern kennt man die Bauten Rufs gut, auch wenn die wenigsten deren Baumeister zu benennen wüssten. In München und Umgebung finden sich viele Werke. Daneben, ganz prominent, hat das Tegernseer Tal "seinen" Sep Ruf unter anderem in dem Ludwig-Erhard-Bungalow ('54) an der Gmunder Anhöhe oder im Olaf-Gulbransson-Museum (Tegernsee), dessen unterirdischer Erweiterungsbau kürzlich eröffnet wurde. Schon vor dem Krieg hatte der junge, selbstständige Architekt - Studium von 1926 bis 1931 in München - in Gmund ein hübsches Wohnhaus entworfen ('37/38). Mit einem traditionellen Satteldach, aber nach vorne hinaus von oben bis unten durch vier Bahnen aufgeschlitzt und aufgeglast - einfach die Landschaft ins Haus lassen. Die Pianistin Aloisia Mayer (1910-1992) war die Bauherrin, und 1928 wurde sie die Frau von Ruf. Zwei Kinder bekam das Paar, in den 60ern adoptierte es ein drittes Kind.

Was dieses Gebäude wie das allererste von 1931/33, heute nicht mehr existierende Haus in München-Bogenhausen auszeichnet, hielt der Baumeister durch. Seine Moderne mit Tradition pochte weder auf ästhetische Ideologien, noch war sie dazu da, das Ego des Architekten aufzublasen. Diese Bescheidenheit, Leichtigkeit und Heiterkeit - insbesondere im Kontrast zum NS-Baustil - schildern die Ausstellungskapitel "Ort, Kontext, Geschichte" sowie "Transparenz". Das Museums-Team konnte mit Hilfe der Ruf-Nachkommen Originalpläne zusammentragen; Fotografien von damals wurden aus den eigenen Beständen und denen der Neuen Sammlung (Design) beigesteuert; und TU-Studenten fertigten Modelle an. Filme und O-Töne ergänzen diese Nachkriegsgeschichte. Erstellt wurde ein kompletter Werkkatalog mit 263 Nummern, mehr als je bekannt.

Das Beispiel Sep Ruf macht deutlich, wie sehr Architektur mit Politik verwoben war. Er selbst setzte seinen Stil signalhaft gegen Nazi-Protz und -Klobigkeit. Bauten mussten luftig sein, sich in die Natur öffnen - und: Nicht nur Wohlhabende sollten so wohnen und arbeiten können (50er-Jahre-Wohnblöcke zum Beispiel in München-Harlaching, Naupliastraße, oder besonders schön an der Theresien-, Ecke Türkenstraße). Insbesondere repräsentative Bauten sollten "demokratisch" sein. Deswegen demonstrierten weder der Deutschland-Pavillon (mit Egon Eiermann) für die Brüsseler Weltausstellung 1958 noch der Bonner Kanzler-Bungalow teutonisches Macht-Gehabe. Bezeichnend, dass Adenauer über ihn spottete, dass Kiesinger ihn völlig verschandelte und dass Loki und Helmut Schmidt ihn wiederherstellten. Jetzt wird er restauriert und als Dokument erhalten. So umstritten einst Sep Rufs Baukunst war, so sehr sehnt man sich heute nach ihrer Qualität und Menschlichkeit.

Bis 5. Oktober,

Tel. 089/ 23 80 53 60, Katalog, Prestel-Verlag: 34 Euro.

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