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Liebt Narziss nur sein Spiegelbild, oder ist da noch wer? Maite Beaumont als Narciso (li.), mit Chiara Osella als Nymphe Eco (2. v. re.) und den beiden Liebesgöttern Fátima Sanlés und Luisa Baldinetti (re.).

Festival

Sinnlicher italienischer Barock

Innsbruch - Eine imponierende Wiederentdeckung: Domenico Scarlattis Oper „Narciso“ bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik.

Irgendwann hält er dann doch inne. Singt von Anmut, von der Liebe, herzinnigliche, zartbittere Momente sind das, in denen die Musik ausschwingen, zu sich kommen darf. Doch sie dauern nicht lang, ein paar Sekunden nur, bis das Orchester ansatzlos den Turbo zuschaltet und mit Jagdfanfaren den Gesang vorantreibt. Eine kurze Schwäche des Titelhelden? Männer, so scheint der Komponist damit zu sagen, die sind eben so. Die zweitschönste Pointe in Domenico Scarlattis Oper „Narciso“ ist das. Die schönste liefert die Hauptperson zuvor, wenn sie durch den Wald irrt. Jeder der Vers-Schlüsse Narcisos wird vom Eco wiederholt: Kein bloßes Naturphänomen sorgt für Widerhall, sondern die Nymphe Echo, unsterblich in diesen Mann verliebt. Langsam gleitet die Szene in die Vorform eines Duetts, ein Wechselgesang zweier, die füreinander bestimmt sind – von denen aber der eine glaubt, er singe weiterhin mit sich selbst.

Zugegeben: Solche Hintergründigkeiten, die eben nur die Oper bieten kann, finden sich nicht gerade am laufenden Arienmeter. Aber als staubiges Bibliotheksmaterial zu verkommen, das hat der Dreiakter des 35-Jährigen Scarlatti eben auch nicht verdient. Die Innsbrucker Festwochen  der Alten Musik bleiben  sich  also  treu.  Seit Jahrzehnten stecken die jeweils Verantwortlichen ihre Spürnasen in die Archive, lange bevor so etwas – man nehme nur Cecilia Bartoli oder Simone Kermes – als Barockgag PR-trächtig vermarktet wurde.

Der „Narciso“, gerade (nur!) zweimal im Tiroler Landestheater aufgeführt, zeigt allerdings auch: Ohne einen leidenschaftlichen Anwalt geht es nicht. Anders als Festwochen-Chef Alessandro De Marchi, der kürzlich am selben Ort Händels „Almira“ viel zu behutsam anfasste (wir berichteten), lodert es nun im Graben. Fabio Biondi und sein Ensemble Europa Galante führen vor, wie man italienischen Barock spielen muss: gar nicht mal so hypervirtuos, aber sinnlicher, direkter, mit temperamentvollem Zugriff, sehr körperhaftem Klang und mit Lust auf kleine, delikate Pointen, vor allem auf die intensive Belebung der melodischen Verläufe.

Dass Scarlatti über weite Strecken zu hurtigen, farbsatten Arien neigt, kommt Biondi entgegen. Erst nach zwei Dritteln verlangsamt sich der Herzschlag des Stücks. Besonders hier, nicht unbedingt in den flotten Nummern, hört man heraus, dass Scarlatti, der Künstlerfreund Händels, sich einiges vom arrivierten Kollegen abgehört hat. Anders als bei Ovid, wo Narziss bis zum Tode in sich verliebt bleibt, bietet Scarlatti mit seinem Textdichter ein Happy End. Das kommt arg plötzlich, ist dem Publikumsgeschmack geschuldet, und Davide Livermore hat in Innsbruck alle Regie-Hände voll zu tun, um das einigermaßen vorzubereiten.

Dass er (in seiner eigenen Ausstattung) alles im Foyer des „Grand Hotel Arkadia“ ansiedelt, in einem Raum, wo die Sichtachsen dramatisch verzerrt sind, mag zunächst das große Gähnen provozieren – gefühlte hundert Operninszenierungen spielen an einem solchen Ort. Doch entscheidend ist anderes: wie dieses Foyer bald nur noch Gerüst und Zitat ist für eine eindrucksvolle surreale Szenerie, die das Team D-Wok mit seinen Videos erzeugt. Mal nebliger Wald, mal Weltall, mal gigantische Wasserflut ist dieser Seelenraum, und wenn die Protagonisten von Amors Waffe getroffen sind, die hier eine Pistole sein kann, färben sich die Wogen effektvoll rot.

Livermore macht die Charaktere plastisch, wo es geht. Ab und zu neigt er zu bekannten Barock-Schrillheiten, ausgerechnet dann ist die Inszenierung am schwächsten. Zwei zusätzliche stumme Hotelpagen hat er erfunden: Als Slapstick-Figuren sind sie verzichtbar, weniger aber als Spielmacher-Amoretten, die ungesehen ins Geschehen eingreifen – und sei es nur, um dem selbstverliebten Narciso einen vermeintlichen Spiegel vorzuhalten: Es ist ein Bilderrahmen, auf der anderen Seite singt die geliebte Eco.

Mit Maite Beaumont und ihrem weich gefassten, warm timbrierten Mezzo als Narciso ist die Aufführung hervorragend besetzt. Chiara Osella als Eco bewegt sich fast auf Augenhöhe. Entertainer-Qualitäten beweist der unerschrocken auftrumpfende Valentino Buzza, vor allem dann, als sich sein Tenor ein wenig beruhigt hat. Die übrigen Solisten kommen leider übers ungenaue, stumpfe Singen selten hinaus.

Zwei große Premieren, damit ist nun vorerst Schluss beim finanzgeplagten Innsbrucker Festival. 2015 kommt es wohl nur noch zu einer Produktion. Und die braucht, man höre nur Kapazitäten wie Fabio Biondi, Strahlkräftiges – was manchmal entscheidender sein kann als ein satter Zuschuss.

Markus Thiel

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